»Ferner sollen sie nach Vorschrift eben dieser General-Artikel tit. XXXVIII:
»»Auf die Pfarrer in allen Kirchenämtern bei den Predigten, Taufen, Sakramentreichen und Besuchung der Kranken warten, und deswegen ohne ihr Wissen und Willen nicht ausreisen, damit sie ihrer gewiß sind.««
»Den besten Aufschluß über das Verhältniß der Schullehrer zu den Pastoren giebt aber unstreitig M. Gottlieb Schlegel's ›Der Chursächsische legale Schulmann‹, der mit klaren dürren Worten als Anleitung für die Schullehrer, wie sie sich zu ihren Vorgesetzten zu verhalten haben, besonders die vorgenannten Stellen citirt und daraus den, leider Gottes auch von unseren Gemeinden, und was noch schlimmer ist, von uns selbst angenommenen Schluß zieht:
»»Hieraus ersieht man, in welches Verhältniß die Landesgesetze den Schulmeister oder Küster gegen seinen Pfarrer gesetzt haben. Er ist der Diener des Pfarrers und hat ihn nicht blos als seinen Vorgesetzten, sondern auch als seinen Herrn anzusehn. Diese Gesetze sind keineswegs antiquiret, wenngleich ein vernünftiger Pfarrer seine Superiorität dem ihm untergebenen Schulmeister nicht, wie in vorigen Zeiten, auf eine demüthigende Weise wird empfinden lassen. Es sollen aber, heißt es in dem nur angeführten 37. General-Artikel: Auch die Pfarrer ihre Glöckner, ferner nicht, denn soviel ihr Kirchendienst belangt, mit Botenlaufen oder anderen, zu ihrem Nutzen dringen oder beschweren, sondern sie ihren befohlenen Dienst jederzeit unveränderlich abwarten lassen.««
»»Aus diesem Verhältnisse, in welchem der Schulmeister gegen seinen Pfarrer steht, folget nun, daß er den Erinnerungen desselben, und was ihm dieser im Kirchendienst befiehlt, gehorsamlich nachkommen, die Lieder, die in der Kirche gesungen werden sollen, nicht etwa durch einen Schulknaben, sondern in eigener Person abholen; nicht eher, als er sich bei dem Pfarrer gemeldet, einlauten; ihn bei Amtsverrichtungen begleiten, und wenn dergleichen bei den eingepfarrten Dörfern vorfallen, den Priesterrock tragen[2], in Abwesenheit des Pfarrers den Gottesdienst und was demselben anhängig nach der ihm gegebenen Vorschrift besorgen; die eingegangenen Missiven abschreiben; dieselben, insofern solche nicht durch eigene Boten besorgt werden, weiter befördern; die Collectengelder, wenn es nicht nach der Gewohnheit des Orts die Kirchväter thun, wie auch die Berichte des Pfarrers in Kirchen- und Schulsachen dem Superintenden einhändigen; daß er sich aber auch äußerlich gegen seinen Pfarrer ehrerbietig beweisen, in dessen Gegenwart nicht den Hut aufbehalten, nicht Taback rauchen soll, denn welcher Herr würde seinem Diener so etwas verstatten? So darf er auch ohne Vorwissen des Pfarrers nicht verreisen und über Nacht aus dem Hause bleiben. Da pflegen es nun manche blos zu melden, daß sie da oder dorthin verreisen würden, wenn etwa der Herr Pfarrer etwas zu bestellen hätte. Das ist aber nicht genug, sondern sie müssen ihn um Erlaubniß bitten, und zugleich anzeigen, was sie in ihrer Statt wegen der Schule und des Kirchendienstes für Vorsehung getroffen haben u. s. w. u. s. w.««
»Ich habe Ihnen den langen und gewiß schon bekannten Satz noch einmal vorgelesen, lieben Freunde, um Sie erneut darauf aufmerksam zu machen, wie gerade die Glöckner- und Küsterdienste es sind, die den Schullehrer zum eigentlichen Diener des Pastors machen, und den Schullehrerstand überhaupt entehren. Meiner Ansicht nach muß es daher eine unserer Hauptsorgen sein, von diesen befreit zu werden, und nicht darf uns dabei die Furcht zurückschrecken, daß deshalb eine Verringerung unserer Einnahme stattfinden würde. Das kann, darf und wird nicht geschehn und die Ursachen dazu liegen klar genug auf der Hand.«
»Nimmt das deutsche Parlament, welches jetzt in Frankfurt vereinigt ist, die Sache auf, oder wird die Ordnung dieser Angelegenheit selbst den einzelnen Regierungen überwiesen, so werden diese, wenn wir Alle wie ein Mann zusammenstehn, der Schule ihre Recht wiederfahren lassen müssen, und sie von den Fesseln befreien, die sie jetzt drücken und entehren. Dann aber, und bei einer ganz neuen Reorganisation, muß auch der Lehrer so hingestellt werden, daß er mit seinen Einnahmen nicht mehr fast ausschließlich auf ungewisse Einnahmen und Deputate hingewiesen ist, und selbst von diesen nicht genug hat, sein Leben auf anständige Art zu fristen. Wie kann er dem Unterricht seiner ihm anvertrauten Kinder mit freiem fröhlichen Herzen sein ganze Zeit und Aufmerksamkeit widmen, wenn es Nahrungssorgen sind, die ihn quälen, und ihn sich abhärmen lassen, wie es um ihn und die Seinen morgen und übermorgen stehen werde? Das alte fabrikmäßige ›Stunde geben‹ könnte allerdings dabei fortbestehen, aber was würde die Folge sein? Die Kinder würden fort erzogen werden, wie sie bis jetzt erzogen sind und in Druck und Knechtheit aufwachsen, die Freiheiten, die ihre Väter für sie errungen haben, würden sie nicht begreifen, nicht zu würdigen verstehen, der günstige Zeitpunkt aber für die Möglichkeit einer solchen Reorganisation wäre verflossen, und statt des Segens künftiger Geschlechter, den wir jetzt verdienen, wenn wir uns um die Bildung des gemeinen Mannes, des Bauern, des arbeitenden Theiles der deutschen Nation bemühen, erndeten wir ihren Fluch, mit dem sie, lassen wir Alles ungenutzt vorübergehn, unserer Lethargie, unsere Theilnahmlosigkeit, unsere unverzeihliche Verblendung, ja Feigheit verdammen müßten.«
»Doch, ich habe Ihre Aufmerksamkeit wohl schon zu lange in Anspruch genommen, und will jetzt nur noch kurz einen vermittelnden Vorschlag erwähnen, den uns Herr Pastor Scheidler heut Nachmittag gemacht. Er lautet dahin, daß er die Ansprüche anerkennt, welche die Lehrer haben, sich aus ihrer eigenen Mitte ihre Vorgesetzten zu wählen, weil er es aber für gut hält auch den geistlichen Stand dabei vertreten zu sehn, und um besonders ein zu schroffes Entgegenstehn beider, der Schule gegen die Kirche zu vermeiden, will er der nächstens zusammentretenden Geistlichkeit den Vorschlag machen, freiwillig von ihren bisher genossenen Vorrechten zu abstrahiren, und die hohe Staatsregierung, dann aber mit den Lehrern, vereint, zu bitten, eine Schulcommission von fünf Personen durch die Schullehrer selbst wählen zu lassen, von denen die Majorität, also drei, Schullehrer, die andern zwei aber Geistliche sein sollten. So sehr, wie ich aufrichtig gestehen will, mich dieser Vorschlag im Anfang durch seine anscheinende Gerechtigkeit bestochen, so muß ich mich meines Theils für jetzt dagegen erklären, und bitte die Versammlung, ihre Meinung darüber auszusprechen.«
Es entstand jetzt eine lebhafte Debatte über das eben Gehörte, das zu viel Wahrheit enthielt, um es ganz ableugnen zu können, aber auch zugleich der bis dahin so fest und gewaltig eingewurzelten Ehrfurcht gegen ihre hohen Vorgesetzten so schnurstracks entgegenlief, um nicht viel mehr Widerstand als Vertheidiger zu finden. Nur der letzte Vorschlag wurde fast allgemein freudig begrüßt und besonders äußerten die älteren Lehrer: es sei das ein neuer Beweis von des Herrn Pastors Scheidler Humanität, der ihm nur zur Ehre gereichen, und von ihnen mit verbindlichen und dankbaren Herzen aufgenommen werden müsse. Eine Trennung der Kirche von der Schule sei überhaupt etwas unnatürliches – es wäre als ob man das Kind von der Mutter reißen wollte und könne keine segensreichen Folgen haben. Allerdings gestanden die Männer die schweren bösen Uebelstände ein, die von dem Küster- und Glöcknerdienst herkämen, gestanden ein, daß ihnen das dienstliche Verhältniß, in dem sie zu ihren verschiedenen Pastoren stünden, oft, o wie oft, drückend geworden, und mancher Mißbrauch auch, von Seiten der Geistlichkeit, vorgefallen wäre, aber durfte man fürchten, daß dieß auch ferner geschehe; hatten nicht die Zeitereignisse einen ganz gewaltigen Wechsel in den beiderseitigen Stellungen hervorgebracht? Zeigten sich die Pastoren jetzt nicht viel freundlicher und herablassender als je, und war es nicht auch Schuldigkeit der Lehrer, die Hand zu ergreifen, die ihnen in Freundschaft und Einigung entgegengestreckt wurde. Ja lag es nicht im eigenen Vortheil des Lehrers das Verhältniß zwischen Pastor, Lehrer und Gemeinde, wie es bisher bestanden, auch fortbestehen zu lassen? – War es nicht der Pastor, der so oft, und besonders wenn er »mit dem Schullehrer auf gutem Fuße stand« vor ihn gebrachte Klagen der Eltern mit wenigen Worten beseitigte, die, wenn sie hätten sollen jedesmal an die Schulinspektion gehn, gerade ihrer Unbedeutenheit wegen so fatal und unangenehm gewesen wären? Ueberhaupt, was half ihnen eine Besserung ihres Zustandes, wenn sie nachher mit denen in Unfrieden leben sollten, auf die sie bis jetzt angewiesen gewesen, und konnte das nachher überhaupt eine Besserung genannt werden? Nein – dankbar wollten sie nehmen was man ihnen böte, sich des Gegebenen dann freuen, und mit frischen Kräften an ihr großes schönes Werk gehn, die Kinder heranzuziehen zu guten Menschen und treuen Unterthanen.
Es lag etwas Rührendes in dieser Resignation der armen bedrückten Klasse – in der scheuen Ehrfurcht mit der sie von ihren Geistlichen sprachen, die ihnen nur in den wenigsten Fällen mehr als eben Vorgesetzte gewesen. Selbst Hennig, obgleich im Ganzen mit seinen Amtsbrüdern nicht ganz einverstanden, fühlte sich davon ergriffen, und es entstand eine ziemlich lange Pause, in der sich Jeder zu scheuen schien, das Wort zu nehmen.