Ein bleicher hagerer Mann mit eingefallenen Wangen und hohl liegenden aber feurigen Augen, dabei mit edlen lebendigen Zügen, kühn gewölbter Stirn und freier Haltung, hatte bis jetzt an der entferntesten Ecke des Tisches schweigend gesessen und den einzelnen Ansichten gelauscht. Oft schien es auch als ob er, nur in seine eigene Gedanken vertieft, dem Lauf der Debatte gar keine Aufmerksamkeit weiter schenke, der rasche forschende Blick aber, der gleich darauf wieder, bei irgend einer, noch nicht geäußerten Idee aus seinen düsteren Augen blitzte, mußte jede solche Vermuthung bald verbannen und ein genauerer Beobachter hätte sogar das rasche Athmen der Brust, die wechselnde Farbe seiner sonst eigentlich fahlen Züge und die Unruhe, die in seinem ganzen Wesen lag, bemerken können. Es war der Lehrer Kraft aus Bachstetten.
»Mitbrüder« sagte er endlich mit leiser, doch leicht verständlicher, klangvoller Stimme – »Ihr seid gegen eine Trennung der Schule von der Kirche, weil Ihr es für das Wohl der Schule besser haltet. Ihr seid für den, vom Pastor Scheidler vorgeschlagenen Schulvorstand, weil Ihr meint, die Geistlichkeit meine es ehrlich mit Euch und wolle wirklich den Fortschritt. Mitbrüder, ich bin ein alter Schulmeister, neun und zwanzig Jahre esse ich das sauere Brod eines Dorflehrers – neun und zwanzig Jahre bin ich der Diener manches bald guten bald schlechten Geistlichen gewesen und neun und zwanzig Jahre hindurch habe ich es erprobt und als eine traurige Wahrheit befunden, daß der Geistliche stets mein Vorgesetzter, nie aber mir das gewesen ist, was uns Verstand und Ueberlegung sagen muß, daß er doch eigentlich sein sollte – der rathende Freund des Lehrers. Er mag noch so gütig gegen den Schulmeister sein, stets wird er es ihn doch merken lassen, daß er ihm sub-, nicht coordinirt ist und dieses Uebergewicht, das er dadurch erhält, ist es gerade, was ich für das Gedeihen der Schule so verderblich halte.«
»Das Kind soll vor seinem Lehrer Respekt haben, das kann aber nicht der Fall sein, wenn es nicht ebenfalls sieht wie der Mann, den es selber achten soll, auch von anderen Menschen, besonders von seinen Eltern und Nachbarn geachtet wird. Geschieht das aber? – Ich sage nein – nein und tausendmal nein. Es geschieht nicht und wäre es auch nur vor allen Dingen des leidigen todten Mammons wegen. Der Schullehrer bekommt 120 bis 200 Thlr. – Sie Alle wissen wie selten mehr; beim Pastor gehört eine Stelle von achthundert Thalern keineswegs zu den bedeutendsten und schon das hebt ihn in den Augen des Bauern, der gewohnt ist, den Werth des Menschen nach Pferden und Schaafen oder Ackern Land zu schätzen, um gerade so viel, als seine Einnahme die des Schullehrers übersteigt. Das hat aber auch Einfluß auf seine ganze Rede und Ausdrucksweise, denn es fehlt ihm das feine Gefühl selber zu bestimmen, wo in einem Wort oder Blick etwas kränkendes für den fein fühlenden Mann liegen könnte. Schon die gewöhnliche Anrede giebt den Beweis: ›Schullehrer‹ heißt's – ›wie geht's Euch‹ – der Pastor wird stets mit einem ehrerbietigen Herr angesprochen. Kommen die Kinder zu Hause und klagen, daß ihnen der Lehrer Unrecht gethan, so droht Vater oder Mutter mit dem Pastor, und nicht selten geschieht es, daß dieser sogar dem schuldigen Theile noch Recht, dem armen schutzlosen Schulmeister gegenüber, giebt. Ich will nur ein Beispiel hier erzählen, und ganze Bände ließen sich mit ähnlichen ausfüllen.«
»Vor ungefähr zwölf Jahren war der jetzige Seminar-Direktor Gehler Pastor in T– und ein Freund von mir wurde Knabenlehrer und Cantor daselbst. In der Zeit gab es in T– eine wahre Brut von Jungen und es war wirklich nöthig, Strenge zu üben, um nur das eingerissene Uebel erst einmal zu dämmen, und bessere Sitte einzuführen. Dem Lehrer blieb denn auch einst, nach der beispiellosesten Geduld kein anderes Mittel, einen der schlimmsten Buben zur raison zu bringen, als körperliche Züchtigung, und er mag ihm die wohl auch freigebig genug zugemessen haben. Das geschah Früh. Nachmittags wird er zum Herrn Pfarrer gerufen und findet dort Niemand Anderes als eben den gestraften Buben und seine Mutter. Der Pfarrer hält nun, in Gegenwart dieser Beiden ein Verhör und tadelt den Schulmeister, daß er den Knaben geschlagen habe. Dieser will sich vertheidigen, der Herr Pfarrer hört aber nicht darauf, sondern holt einen Apfel, giebt diesen mit Liebkosungen dem Knaben, und bittet ihn, es nicht übel zu nehmen – ja der Lehrer mußte sogar noch, wollte er seine Stelle nicht verlieren, versprechen nicht wieder zu prügeln. Und das ist der nämliche Mann, der vor einigen Tagen bei einer Versammlung von Geistlichen auftrat und zu behaupten wagte, die Lehrer seien noch gar nicht reif zur Emancipation.«
»Wie muß dadurch bei den Schulkindern die Achtung vor dem Lehrer sinken und ist es zu verwundern, daß dieser zuletzt selber mismuthig und verdrossen wird, und anfängt zu verzweifeln, das schöne Ziel, nach dem er im ersten Jugendfeuer und Eifer strebte, je zu erreichen?«
»Auch das trägt nicht dazu bei, den Schullehrer in der Achtung der Kinder zu erhöhen, wenn der Pastor manchmal so recht unverhofft in die Schulstube hineintritt, um, wie die Bauern sagen, den Lehrer einmal auf einem faulen Pferde zu erwischen. Ja, nicht selten kommt es sogar vor, daß er draußen erst eine Zeitlang vor der Thüre horcht, vielleicht in der besten Meinung den Lehrer durch sein Erscheinen nicht außer Fassung zu bringen – denn es giebt noch Thoren genug unter uns, die ihn wirklich fürchten – vielleicht auch in schlechtester Meinung irgend einen Haken an dem ihm Untergebenen zu finden, an dem er sein Müthchen einmal kühlen, seine Autorität beweisen könne.«
»Doch das nicht allein, die ganze Stellung, die der Pfarrer hier dem Schulmeister gegenüber einnimmt, muß dazu dienen, diesen in den Augen der Gemeinde herabzuwürdigen, oder doch ihm den Lohn zu schmälern, den er auch manchmal wieder in seinem Amte finden könnte – wenn der Pfarrer nicht wäre.«
›[3]Man bringt das Kind, den rohen Sohn der Natur, zur Schule; acht volle Jahre hat der Lehrer an ihm sein mühevolles Tagewerk zu treiben; er kann oft kaum sprechen und die einfachsten Begriffe sind ihm fremd. Der Pfarrer nimmt ihn auf. Das Kind macht mehr oder mindere Fortschritte. Der Pfarrer beurtheilt dieselben, und versetzt es nach den Prüfungen, zu Ostern oder Michaelis. Es hat die Klasse durchlaufen: Der Pfarrer versetzt es in eine höhere. Zöge es weg von seinem bisherigen Schulorte, – so schreibt der Lehrer allerdings das Zeugnis, allein es mangelt noch an Legalität: Der Pfarrer unterzeichnet es. Das Kind versäumt die Schule, der Lehrer schreibt die Versäumnißtabelle, der Pfarrer aber unterzeichnet sie. Ostern und Michael nahen heran, und mit ihnen die Prüfungen: Der Pfarrer schreibt die Ordnung der Gegenstände vor. Die Prüfung fällt nun so oder so aus – der Pfarrer lobt oder tadelt, oft nach den momentanen Produktionen; oft das Kind, das der schlechteste Schüler im ganzen Halbjahr war, mit Lob überschüttend, oft den besten fleißigsten Schüler durch herben Tadel zurückschreckend. Der Schulmann ist in seinem Amt – Der Pfarrer inspicirt alle vierzehn Tage – der alte Polizeistaat, der in jedem Menschen einen treulosen erblickt, zeigt sich hier in seiner vollsten Glorie. Der Lehrer will ein neues Schulbuch einführen, er hat's geprüft, es ist ihm von Anderen empfohlen worden. Der Pfarrer muß seine Genehmigung dazu geben, mag er auch noch so wenig davon verstehen. Das Kind verläßt endlich die Schule. Acht Jahre sauren Schweißes hat es dem Lehrer gekostet: Der Pfarrer entläßt es, nachdem der Lehrer noch vorher das Wort väterlichen Ernstes an dasselbe gerichtet. Glücklich der Lehrer, dem man es zugesteht, daß nicht der letzte Confirmanden-Unterricht, sondern sein treuer Fleiß es wesentlich gefördert haben. Gab es ein Schulfest im Lauf des Jahres: Der Pfarrer hatte es zu genehmigen, denn ohne ihn vermag der Lehrer nichts.‹
»›Die Lehrer haben Nichts zu ordnen, zu verfügen, zu bestimmen, sie haben immer ihre Stellung im Auge zu behalten!‹ sagte einst ein Ephorus zum Director eines bedeutenden Lehrervereins und es ist bis jetzt leider Gottes nur zu wahr gewesen. Auch die schmählichen geheimen Inspections- und Revisionsberichte, Schulprotocolle und geheimen Conduitenlisten, die der Pfarrer an das Consistorium einsendet, ohne daß dem Lehrer das Recht zugestanden wird, zu erfahren was gegen ihn gemeldet worden, damit er sich vertheidigen oder rechtfertigen könne, sind ein Fluch unseres jetzigen Zustandes und müssen uns vor allen Dingen die Augen öffnen, wie der Schulmeister zum Pfarrer eigentlich steht, und was wir von einem Vorschlag wie Herr Pastor Scheidler ihn unserem alten Freunde Kleinholz und Hennig gemacht hat, zu erwarten haben. Auch ich bin, wie Herr Hennig, gegen den Vorschlag – die alte Ehrfurcht steckt noch zu viel im Schulmeisterrocke – er sieht in dem Pastor noch immer wirklich etwas Besseres, als er selbst ist, und so rasch ist das auch nicht heraus zu treiben. Bekämen wir also jetzt wirklich eine solche fünfköpfige Schulinspection von drei Schullehrern und zwei Pastoren, wobei sicherlich und mit Recht die ältesten Schullehrer zu solchem Ehrenamt gewählt würden, so wäre es doch sonderbar, wenn unter den dreien sich nicht Einer fände, der von den beiden Pastoren zu ihren Beschlüssen gewonnen werden könnte, und die Majorität wäre dann, aber mit noch weit böseren Folgen als bisher, auf jener Seite, denn bis jetzt duldeten wir nur, weil wir unterdrückt waren und nicht anders konnten; dann würden wir aber gar kein Recht mehr haben uns zu beklagen, denn es wäre unsere freie Wahl gewesen, und ausgelacht würden wir noch über unsere Thorheit.«
»Was dann noch den einen, vorher erwähnten Punkt betrifft, daß der Pastor, wie das Verhältniß jetzt ist, oft vermittelnd zwischen den Eltern der Kinder und dem Schullehrer auftritt, so gebe ich zu, daß dadurch manche Streitigkeiten und für den Lehrer sonst vielleicht unangenehme Folgen gehoben und beseitigt werden. Was aber, lieben Freunde, ist denn die eigentliche Ursache eben dieses erwähnten Uebelstandes? – wahrlich nichts anderes, als auch gerade die gedrückte, untergeordnete Stellung, in welcher der Lehrer in seinem Dienstverhältniß zum Pastor unmittelbar der Gemeinde gegenüber steht. Es würde keinem der Bauern einfallen, wegen wahren Erbärmlichkeiten manchmal ihren Pastor zu verklagen, aber den Schulmeister – ei sapperment, dem soll's der Pastor einmal sagen, daß er gewagt hat zu thun, als ob er der Herr in der Schule wäre. Was ist auch hiervon die Folge? – Die Kinder behalten – wenn sie den wirklich je gehabt, keinen Respect vor dem Schulmeister – ›er darf uns nichts thun, sonst sagt's mein Vater dem Pastor – und da kriegt er's.‹ Das wird der Trotzspruch der Knaben und demüthigend allein ist das schon für den armen, überall zurückgesetzten Lehrer, daß er durch ein solches Verklagen auch von der Gemeinde den Grundsatz ausgeführt sieht – der Schulmeister ist der Untergebene des Geistlichen. Glaubt deshalb nicht, Freunde, daß dadurch in Zukunft ein Zankapfel in den Kreis Eures stillen Wirkens geschleudert würde, wenn der Pastor den Streit nicht mehr mit wenigen Worten schlichten kann, sondern ihn an die Schulinspection verweist – das sind blinde Gespenster die Ihr dort seht, – steht der Schullehrer mit dem Pastor auf gleicher Stufe, d. h. genießt er erst einmal die Achtung, die er verdient, dann wird es auch den Eltern gar nicht mehr einfallen ihn für ein so unmündiges Subject zu halten, als das bis jetzt geschehen, und es wird – eine Lebensfrage für die Selbstständigkeit des Lehrers – auch nicht mehr, wie das bisher bei solchen Gelegenheiten der Fall war, in der Hand des Pastors und von seinen Launen abhängig liegen, den Lehrer durch ein Wort, ja durch einen Blick der Verachtung oder Geringschätzung bei den klagenden Eltern zu verdächtigen. – Der Geistliche wird die Klagenden nicht mehr an die Schulinspection weisen können, weil es eben keine Klagenden mehr geben wird, ausgenommen es wäre wirklich etwas Ernstes vorgefallen, und der Lehrer hätte sich einen Fehler zu Schulden kommen lassen – und dann ist die Schulinspection auch gerade der Gerichtshof, wo die Klage angebracht werden muß, und wohin sie gehört.«