»Also stehet fest zusammen, lieben Mitbrüder, und beweist einmal durch festes, vereintes Auftreten, daß Ihr auch wirklich verdienet frei zu sein. Die alten Vorrechte werden jetzt überall den bis dahin bevorzugten Ständen genommen, laßt nicht die schlimmsten von allen, die der Geistlichkeit, nach ihrem Willen den strebenden Geist der Völker zu unterdrücken, auf Euch allein und geduldig lasten, und bedenket, daß Ihr nicht nur für Euch, daß Ihr für Deutschland arbeitet, für Deutschland und seine heranwachsenden Generationen.«

Der Lehrer setzte sich nieder, aber fünfe, sechse traten nach einander gegen ihn auf. Keiner widerlegte das, was er gegen die Geistlichkeit gesagt – Alle stimmten ihm darin bei, daß das Uebelstände seien, denen abgeholfen werden müßte, denen aber auch abgeholfen würde, sobald nur einmal die neue Schulinspection, wie sie der Herr Pastor Scheidler vorgeschlagen, in Wirksamkeit träte; für jetzt aber, meinten sie, sei es zu gewagt, »feindlich gegen die Kirche aufzutreten, wo sie noch unter der Botmäßigkeit derselben ständen –« Pflichten zu verweigern, die sie bis jetzt geleistet, und für die sie Zahlung bekommen hätten, ohne auch gewillt oder in den Verhältnissen zu sein, die mit ihnen genossene Nutznießung mit ihnen aufzugeben. Nein, man vereinigte sich dagegen zu einem Gesuche an die hohe freisinnige Regierung, die Mißbräuche der vor Jahrhunderten gegebenen Gesetze abzuschaffen, man erbitte eine baldige, durchgreifende Reform des Volksschulgesetzes, man beantrage, daß dem Lehrer eine, seinem Stande und seiner Bildung würdigere, mehr coordinirte als subordinirte Stellung angewiesen werde, und sei dann überzeugt, daß die bis jetzt so gehässigen Fatalitäten zwischen Geistlichen und Lehrern von selber wegfallen würden – so lautete das Resultat.

Hennig trat noch einmal mit Kraft für seine Meinung auf, doch vergebens, er wurde überstimmt, und sogar eine Adresse an die übrigen Lehrer des Reichs beschlossen, um diese davon abzuhalten, daß sie einer Trennung der Schule von der Kirche das Wort redeten, dagegen aber aufzufordern, in der nächst zu haltenden großen Lehrerversammlung kampf- und schlagfertig zu erscheinen, und ihre Ueberzeugung dort zu verfechten.

Da stand Kraft auf, griff nach seinem Hut und sagte, während er hinter seinen Stuhl trat:

»Lieben Mitbrüder, Ihr habt Euch entschieden, und ich sehe die Folgen, die dieser Euer Entschluß haben wird. Nicht, daß Ihr die Trennung der Schule von der Kirche werdet aufzuhalten vermögen, nein, die Mehrzahl der Lehrer hat hoffentlich Energie genug, jetzt, wo ihr die Waffe der freien Rede in die Hand gegeben ist, sie auch zu gebrauchen und ihre Rechte damit zu erkämpfen; aber wehe thut es mir, den Geist erkannt zu haben, der in dieser Gegend noch die Herzen der Lehrer beherrscht, ja, bange Zweifel fangen schon an, in mir aufzusteigen, ob selbst die Emancipation im Stande sein wird, den Geist des Selbstgefühls zu erwecken, daß er ein Joch abschüttele, nicht etwa nur weil es ihn drücke oder beschwere, nein, sondern weil es überhaupt ein Joch ist, und ein Joch, das noch dazu anfängt, ihn zu schänden, weil er es freiwillig tragen will. Daß die Pastoren, noch ehe sie dazu gezwungen werden, schon ein selbst so precäres Zugeständniß machen, und uns das Recht zugestehen, unsere Schulinspectoren wenigstens zum Theil aus unserer Mitte zu wählen, das hätte Euch die Augen öffnen können, wie sie das Geringe geben, weil sie damit einem größeren Muß vorzubeugen gedenken. Blinde kurzsichtige Menschen die es sind, daß sie meinen, der einmal entfesselte Geist ließe sich sobald wieder in die alten Banden der Knechtschaft hineinpressen.«

»Lebt wohl, lieben Freunde – berathet Eure Adresse und sendet sie in alle Welt, gebraucht auch, als zu Eurer Conferenz gehörig, meinen Namen, verlangt aber nicht, daß ich selber unterschreiben soll, was mir das Herz in der Brust wenden würde. Ich will nach Bachstetten zurück, und vielleicht kommt die Zeit, wo ich im Stande bin, für Euer, für unser Wohl zu wirken!«

Er verließ das Zimmer, und nur Hennig folgte ihm von all' den Uebrigen.

Elftes Kapitel.
Des Musikanten Tochter.

Kraft und Hennig stiegen die Stufen der Treppe hinunter, und befanden sich gleich darauf im wirren Getreibe des Schenklebens, das sie in lauten fröhlichen Massen umtobte.

Sie blieben einen Augenblick neben der Gartenthüre stehen und überschauten die Menge, die hier, der wunderherrlichen Frühlingsluft froh, theils um einzelne Tische saß, theils langsam in den Gängen auf- und niederschlenderte, oder auch kurze Zeit nach dem kleinen Orchester hinüber horchte, das Märsche, Walzer, Rutscher und Galopps spielte, und aus den gewöhnlichen Dorfmusikanten bestand, die auch Abends beim Tanz den lustigen Reigen aufgeigten.