Nur manchmal schien sich die Aufmerksamkeit dem Orchester ganz und fast ungetheilt zuzuwenden, und das war stets, wenn ein einzelner Mann, unser alter Bekannter, mit seiner Tochter auf die Bank trat und auf seiner Violine, nicht Marsch oder Tanz, aber doch so eigenthümliche Weisen und mit für Horneck so unerhörter Geschicklichkeit spielte, daß den Bauern, nach ihrer eigenen Bestätigung, »Maul und Nase« aufstand, und sie manchmal nicht wußten, ob er an der linken Hand fünf oder zehn Finger hätte.
Kraft und Hennig waren aber noch viel zu sehr mit der eben verlassenen Conferenz beschäftigt, um das rege Leben um sich her viel zu beachten; sie schritten dicht an Haus und hinter den Hecken hin, die hier einen schmalen Raum des Gartens von den übrigen offenen Theilen abschied, um in's Freie hinaus den Weg zu gewinnen, an der engen Gartenpforte aber, die hier nach dem Felde hinauslief, fanden sie ein solch' wirres Menschengedränge, daß sie, um dem zu entgehen, wieder rechts einbogen, und endlich gerade unter der Stange anhielten, die hier zum Sternschießen errichtet war, und neben der ein paar noch unbesetzte Bänke standen.
»Mir thut es in der Seele weh,« brach Kraft endlich das Schweigen, »daß gerade hier von Horneck aus ein Schritt geschehen soll, über den die Feinde des freien Lehrerstandes triumphiren werden. ›Seht Ihr,‹ höre ich sie schon rufen, ›sie selber wollen es nicht – sie selber sehen ein, daß durch ein Losreißen von der Kirche die Schule selbst gefährdet sei – sie selber fühlen, daß sie der Aufgabe nicht gewachsen sind‹.«
»Und wo bedürften sie einen besseren Beweis für ihre hochmüthige Behauptung – »die Lehrer seien noch nicht reif zur Emancipation«,« seufzte Hennig – »diese Adresse wird ihnen eine furchtbare Waffe gegen uns in die Hand geben.«
»Das wolle Gott nicht,« rief Kraft – »das wird aber auch nicht geschehn – ja wenn wir hier nur etwas für uns selbst, für die materielle Verbesserung des Schullehrerstandes erringen wollten, wenn hier nicht das Interesse des ganzen Deutschlands mit in's Spiel käme, dann Freund, dann möchten Sie Recht haben, die Uneinigkeit würde dann unser Verderben sein, so aber ist die Sache gewaltiger, als Sie uns Allen jetzt hier vorkommt, und bricht sich endlich schon von selber Bahn. Die Adresse dauert mich auch deshalb nur der Leute wegen, die sie unterzeichnet, nicht um der guten Sache selbst willen, denn um die stände es schlimm, vermöchte eine kleine Conferenz unbedeutender Schulmeisterlein an ihrer Basis zu rütteln, ihre Grundpfeiler zu untergraben.«
»Aber es ist eine Schaufel voll Erde unter dem Fundamente weggenommen,« seufzte Hennig, »wieder und wieder und immer wieder eine, und wer weiß, ob der Bau nicht dennoch endlich schmetternd nachstürzt.«
»Ich glaube nicht,« sagte Kraft, und starrte die gefalteten Hände fest zwischen seine zusammengedrückten Knie gepreßt, gerade vor sich nieder – »ich glaube nicht, denn nach dem, was ich bis jetzt von der ganzen Erregung Deutschlands in den Zeitungen gelesen habe, müßte ich mich sehr irren, wenn nicht gerade die Schule zuletzt das sein wird, wonach sich die liberale Partei gezwungen sieht zu greifen, um ihre Hoffnungen zu realisiren; und daß so etwas dann nicht unter den jetzt zwischen Schule und Kirche bestehenden Verhältnissen geschehen kann, versteht sich, möcht' ich sagen, von selbst.«
»Ich begreife nicht recht, wie Sie das meinen,« sagte Hennig.
»Sehen Sie, lieber Freund,« sagte der alte Schulmeister, leiser noch fast als vorher und in der früheren Stellung verharrend, fort, »ich habe nicht viel mehr in den Funfzigen zu suchen, und Manches in der Welt gesehn und erlebt – denn ich war die neun und zwanzig Jahre keineswegs in einem Striche fort Schulmeister, und meine Lebensbeschreibung gäbe gewiß gar interessanten Stoff zu einem recht starken dickbändigen Romane, wenn – ich als Schullehrer nur damit herausrücken dürfte – doch das ist Nebensache, wie ich meine Erfahrungen gesammelt – es ist das einzige, was ich auf dieser Welt sammeln konnte, die aber sagen mir dafür auch Manches, was andere Leute erst durch bittere Enttäuschung zu lernen haben und – sie lügen selten. Doch zur Sache. Ich war vor drei Tagen in der Residenz und durch frühere Schulkameraden sah ich mich plötzlich in das ganze tolle Gewirr der jetzigen politischen Bewegung hinein versetzt – hörte ihre für Freiheit und Einheit schwärmenden Reden, sah den Jubel, der die jungen Herzen in aller Wonne frisch erkeimender Hoffnungen erfüllte, und kann wohl gestehen, daß ich alter Kerl im ersten Augenblick selbst mit hineingerissen wurde in den wirbelnden Rausch der jungen Ideen und Pläne. Der Sieg, den das Volk auf den Barrikaden Berlins gegen die bis dahin für unbesiegbar gehaltenen Bayonette erkämpft hatte, riß noch kaltblütigere Leute, als ich sonst gewöhnlich bin, in seinem Taumel mit fort; ich fühlte aber endlich wieder Grund, stemmte die Strömung, sah, wohin dies urplötzliche und tolle Durchbrechen aller Banden und Dämme führen müsse und werde – und watete langsam wieder an's stille Ufer zurück, von da aus den Verlauf der Sache besser und unparteiischer betrachten zu können.«
»Republik! ging der Ruf durch die Versammlungen; das Volk ist reif und hat seine Ketten zerbrochen – fort mit der Tyrannei; die Volkssouverainetät allein ist die Macht, die wir anerkennen – einstimmig wurden alle Beschlüsse angenommen, denn wer sich als Einzelner der Masse entgegen gestellt hätte, wäre, wenn er recht gut weg kam, einfach hinausgeworfen – selbst beim Abstimmen wurden die, die sich durch Handaufheben vielleicht als eine sehr geringe Majorität herausstellten, ausgelacht und verhöhnt – das war ein Vorspiel zur Volkssouverainetät. Wenn übrigens die Massen noch keinen parlamentarischen Takt besitzen, so läßt sich das gewiß mit der Neuheit ihrer jetzigen Verhältnisse entschuldigen – was thut es, wenn sie beim Abstimmen manchmal beide Hände in die Höhe heben, in gemäßigteren Vereinen die Galerien füllen und die Redner der Gegenparthei nicht zu Worte kommen lassen, etc., das muß sich erst abschleifen, und eben so, wie unsere junge Preßfreiheit manchmal ausarten und hinten ausschlagen wird, wie ein tolles lebensfrohes Fohlen, so wächst sie doch mit der Zeit zu einem edlen Renner heran, der zwar seinen Reiter, den Geist, in Sturmesflug über die weite Flur dem schönen Ziele entgegenträgt, aber eben keine Seiten- und Bockssprünge mehr macht.«