»Nur die Volkssouverainetät, lieber Hennig, die, die kann ich noch nicht anerkennen – das Volk hat seine Ketten gebrochen, ja, wie der entfesselte Leu steht es ingrimmig brüllend da und weist seinen früheren Kerkermeistern die fürchterlichen Fänge, und wäre er jetzt in einer Wildniß, so möchte er in Gottesnamen mit der neugewonnenen Kraft toll und rücksichtslos in die Welt hineinstürmen, das Echo mit dem Laut seiner gewaltigen Stimme erwecken und die gigantischen Stämme erzittern machen, wenn er sich in übermüthiger ausgelassener Lust dagegen wirft, um die eisernen Pranken in das zähe Holz zu schlagen. So aber befinden wir uns gegenwärtig mit eben diesem Leuen mitten in einer civilisirten Stadt, und so lange er eben nur noch ruhig dasteht und seinen Feind anstarrt, mag das gehen, beim ersten Seitensprung aber wird er in irgend einen Porcellan- oder Spiegelladen hineinfahren, eine Menge Leute, ohne sich selber zu nützen, zum Tode erschrecken, kaum glaublichen Schaden anrichten, das Oberste zu Unterst kehren, endlich selbst die um ihre Sicherheit besorgt machen und gegen sich aufbringen, welche sich erst über die Freiheit des schönen stolzen Thieres gefreut haben, und sich doch noch zuletzt in irgend einer Sackgasse oder engen Bahn des ihm fremden Terrains, auf's Neue umstellt, gefangen und – Gott wolle verhüten, daß ich Wahrheit rede – gar besser bewacht finden als früher.«

»Aber die Fürsten,« warf Hennig ein, »werden sich jetzt doch, nach dem Siege in Berlin, gezwungen sehen, überall nachzugeben – was können die kleineren machen, da die Freiheit in den größeren gesiegt hat?«

»Ich bin kein Politiker, lieber Hennig«, erwiederte ihm Kraft, »ich kann auch nicht sagen und vorher bestimmen, welchen Einfluß diese gewaltigen Ereignisse auf das übrige Deutschland haben werden, mir nur ist es so ängstlich zu Sinn, daß ich selbst keine Rettung in dem geängstigten Erfolge finden kann. Sehen Sie sich unsere Bauern hier in Horneck, in Buchstetten, in der ganzen Umgegend an, gehen Sie Dorf für Dorf, Flecken für Flecken durch, und sagen Sie mir dann, wie viele Leute Sie gefunden haben, die im Stande wären, auch nur zu begreifen, was für Freiheiten in ihre Hände gelegt wurden. Es thut mir leid, daß ich's sagen muß, aber unser Bauer, wie er jetzt ist, paßt nur für das Joch, in dem bis dahin sein Nacken steckte – er ist von Herzen gutmüthig, aber dabei störrisch und hartköpfig, mißtrauisch bis zum äußersten Grad – kriechend höflich gegen die, in deren Händen die Gewalt liegt, übermüthig bis zum Ekel gegen die Untergebenen und rücksichtslos unverschämt, wo er sich im Rechte glaubt oder weiß. Der Tagelöhner dagegen, der Knecht und Häusler ist von Jugend auf in einem Zustande heraufgewachsen, der ihn nur nothdürftig an seine körperliche Bildung, an seine geistige fast gar nicht denken ließ. Das Bischen Schreiben und Lesen, was dem Jungen bis ins zwölfte, dreizehnte Jahr eingeprägt wurde, hat der Flegel, wenn er sechszehn alt ist, fast schon wieder vergessen, und wahrlich, es ist ihm auch nicht zu verdenken, wenn man sieht, wie er von Morgens früh bis spät in die Nacht das ganze Jahr hindurch arbeiten und schaffen muß, um nur das Bischen Leben elend genug zu fristen. Abends ist aber der Körper so ermüdet und angegriffen, daß von Lesen, Schreiben oder Denken gar keine Rede mehr sein kann. Ist es da also möglich, hier bei den erwachsenen jungen Burschen und alten Leuten noch einmal mit Schulunterricht, und schlimmer als Schulunterricht mit der Belehrung dessen anzufangen, was sie eigentlich sein sollten, um dem Zwecke freier Männer zu genügen? – Nein, die Zeit ist versäumt, denn was wir den Kindern nicht lehren durften, das können wir jetzt den Alten auch nicht mehr in die Schädel zwingen. Ja früher, da wäre der Augenblick gewesen, uns aber waren die Hände gebunden, das Beispiel hatten wir alle Tage vor Augen – wir sahen, wie die Schwalbe ihren Jungen das Fliegen und ihre Kräfte zu prüfen lehrte, uns aber, den denkenden mit Vernunft und Seele begabten Menschen war das, wenn auch nicht vom, doch durch das hohe Consistorium untersagt – den Fluch dieser Verdummung erndten wir jetzt, und mit bitterer Erfahrung würden wir es bezahlen müssen, wären wir thöricht genug zu glauben, ein Volk könne aus solcher Knechtschaft, wie wir sie eben abgeschüttelt, gleich mit einem kühnen Sprung zu der herrlichsten aber gerade durch ihre Einfachheit auch schwierigsten Regierung, der Selbstregierung gelangen. Unsere Tagelöhner und Häusler, unsere Knechte und Bauern sind eben Menschen, die noch kein eigenes Urtheil haben und sich deshalb so lange von anderen Menschen werden leiten und bei der Nase herumführen lassen, bis die heranwachsende Generation einmal mit frischen lebendigen Geisteskräften und klarem Bewußtsein ersteht, das aber ist jetzt unsere Aufgabe, eben die heranwachsende Generation und mit ihr das ganze künftige, und Gott wolle es fügen, einige Deutschland, ist in unsere Hände gegeben, daß wir den Saamen in das fruchtbare Erdreich streuen und in unseren eigenen Kindern die fröhliche herrliche Erndte aufkeimen und reifen sehen.«

Der Mann hatte sich bei den letzten Worten hoch aufgerichtet und sein über Hennig hinschweifender Blick hing wie begeistert an den blaßrothen Abendwolken, die von der untergehenden Sonne mit zartem Rosenhauch übergossen, wie sehnsüchtig und liebend ihr nachzustreben schienen in das Gluthenmeer ihres leuchtenden Grabes.

»Hallo Schulmeester un keen Ende,« lachte da plötzlich eine derbe aber gutmüthige Stimme, und Meinhardt, ein Bauer aus Horneck, derselbe, der am Sonnabend Nachmittag Klage beim Pastor gegen den alten Lehrer geführt, trat aus einer der nächsten Gruppen auf die beiden Männer zu – »hul mich diasar und jäner, wu mer hiar hintrett, trett mer uff'n Schulmeester, 's kriwwelt und wimmelt urdentlich von em. Aber lieb is mer'sch, daß ich Uech finge, Herr Hennig, Ihr kennt mer en großen Gefallen duhn.«

»Wäre der Herr Pastor das nicht vielleicht eher im Stande?« frug Hennig, der den Auftritt vom vorigen Morgen noch zu frisch im Gedächtniß hatte, nicht ohne Bitterkeit.

»Ach papperlapapp!« brummte der Bauer und kratzte sich unter der Mütze den dicken Schädel, »der Pastor sieht ooch durch en Brät – wenn en Loch drinne is – aber – Ihr hatt recht – ich han's gestern dumm angefangt, aber main verwetterter Junge hatte de Schuld – Jimine, wie han ich en ooch gekeilt – na, der lügt mer nich mehr de Hucke vull – doch – was ich nuch sagen wolle, Schulmeester – mein Junge war en Strick geweest – der Alte hatte'n gar nich so gehaun, Müllers Gottlieb warsch gewäsen, bei dem meine Krete dreuge Aeppel gemaust hatte – nu, Recht iss'n geschähn – ich wülle, se hatten em de Hingerpastete so waich gekluppt wie en Bingel Flachs – un nu han ich dem Schulmeester Unrecht gethan, un ich han em en ganzen Kurb vull Wirschte un Speck un Eier nuff geschickt – un den Jungen ooch; an den soll er sich nu noch en ganz besonderes Plaisir machen, un wenn er en halwes Dutzend Schtecken uff'm verschlaiht, ich han nischt derwidder.«

»Aber was kann ich dabei thun?« sagte Hennig kopfschüttelnd, denn mit innerem Weh durchzuckte ihn der Gedanke, wie Unrecht nun dem armen alten Lehrer gestern in Gegenwart dieses Mannes, in Gegenwart seines eigenen Schülers, und wie sich nun herausstellte, so ganz grundlos und unschuldig geschehen sei – »gekränkt habt Ihr den alten Mann durch Worte und That – glaubt Ihr das jetzt wieder durch Geschenke ungeschehen machen zu können?«

»Ne –« sagte der Bauer und kratzte sich immer bedenklicher den blonden struppigen Kopf – »ne, un desserwägen sullt Ihr mer en Bischen mit uf's Rad steigen, daß mer nich umkippen. – Ihr hatt's Maulwerk uff der richt'gen Ställe, un da megt ich uech bitten, den Schulmeester en Bischen ummen Bart rim zu gehn, bis er widder gut is – den Jungen sill er prügeln bis er blau un schwarz sicht, un wenn sich meine Ole das Maul noch e Mol värbrennt, dann kreiht se eens druff – nich wahr Schulmeester, Ihr sidd so gut?«

»Ich will mein Möglichstes thun, ihn davon zu überzeugen, daß es Euch von Herzen leid thut, ihn so ungerechter Weise beschuldigt zu haben –«