Und Gnade – und Gnade, Gnade für mich – Gnade – Gnade – Gnade für mich!«
schloß Anna ihre schmetternde Bravourarie, und »herrlich!« »göttlich!« riefen die Fräulein Seiffenberger wie aus einem Munde.
»Wirklich schön!« sagte Herr Strohwisch, und machte einen schwachen Versuch zu applaudiren – »sehr schön, mein Fräulein – ich habe – ich habe auch schon früher das – Vergnügen gehabt, Sie singen zu hören –«
Weitere Complimente wurden unnütz, denn Melinde wie Josephine gingen auf Fräulein Schütte zu, preßten sie in die Arme, küßten sie, und nannten sie einen »süßen melodischen Engel.«
Der Oberpostdirector trat mit dem Pastor in's Zimmer, »so will ich Ihnen das andere kleine Gedicht noch vorlesen – mit Musik macht es sich freilich besser – alle meine Gedichte sind fast componirt – wundervoll – schön!«
»Um Gotteswillen, Vater, was ist da draußen eben geschehen?« frug aber Sophie, die neue Kriegserklärung gar nicht beachtend, in Todesangst ihren Vater, so wie dieser die Schwelle nur überschritten hatte.
»Nichts, mein Fräulein, beruhigen Sie sich,« nahm da Herr von Gaulitz die Antwort auf – »Nichts, was Sie ängstigen dürfte, im Gegentheil etwas Freudiges – wir haben den Burschen aufgespürt, der von der Residenz aus steckbrieflich verfolgt ist, und Sie selber sogar gestern im Walde angefallen hat.«
Sophie hatte eine Stuhllehne erfaßt, und es bedurfte aller ihrer Geistesgegenwart, sich in diesem Augenblick nicht zu verrathen.
»Den haben Sie erwischt?« rief da Anna Schütte fröhlich dazwischen – »Gott sei Dank, jetzt kann man doch wieder vor die Thüre gehen, ohne fürchten zu müssen, angefallen zu werden. Was geschieht nun mit dem erschrecklichen Menschen?«
»Aber er hat uns ja gar nicht angefallen!« betheuerte Sophie, denn gewaltsam raffte sie sich zusammen, da sie recht gut fühlte, wie es jetzt an der Zeit sei, dem Unglücklichen, was er auch sonst immer verbrochen haben mochte, wenigstens von dieser Anklage zu reinigen – »nur vom Waldrand her, wo er wahrscheinlich gesessen, trat er auf uns zu, als ihn auch schon das Blei des Jägers traf – und er ist – er ist verwundet.«