»Der klare Schrot wird ihm nicht viel gethan haben,« meinte der Oberpostdirector; »das bleibt sich aber auch gleich, und es soll mir seinetwegen lieb sein, wenn ihm das nicht härter in's Gewicht fällt. Ich habe bei der Sache aber weiter Nichts zu thun, als daß ich ihn in die Stadt an's Criminalgericht liefere, das mag nachher meinetwegen sehen, was es mit ihm anfängt.«
»Was hat er denn eigentlich verbrochen?« frug Strohwisch, der seufzend den Gedanken aufgab, heute noch und unter solchen Verhältnissen zum Vorlesen zu kommen – »hat er gestohlen?«
»Das kaum,« sagte von Gaulitz, »dem Ministerium scheint nur sehr viel an seiner Gefangennehmung zu liegen, es muß wohl ein sehr gefährlicher Mensch und Demagoge sein – nun, wild genug sieht er aus, und es ist mir lieb, daß wir ihn hinter Schloß und Riegel haben. Aber bitte, meine Damen, setzen Sie sich doch, Sie brauchen sich wirklich nicht mehr zu fürchten, – er ist ganz unschädlich. – Wir haben Sie gewiß in Ihrer Arie gestört, mein Fräulein.«
»Ich hatte sie gerade beendet – aber – bester Herr Oberpostdirector, könnte man den Menschen denn wohl einmal zu sehen bekommen? – ich habe noch nie einen ordentlichen Räuber –« sie zögerte einen Augenblick, und der Pastor fuhr lächelnd fort –
– »in aller Sicherheit hinter einem Gitter wie ein wildes Thier betrachten können.«
»Aber Anna!« sagte Sophie vorwurfsvoll –
»Nun liebes Kind, ich weiß wirklich nicht, ob man mit einem solchen Menschen Mitleiden zu haben braucht,« vertheidigte sich die junge Dame – »wenn Einer einmal erst steckbrieflich verfolgt ist, dann muß es ein schlechter Mensch sein.«
»Bitt' um Verzeihung, mein Fräulein,« fiel hier Strohwisch ein – »das kann in jetziger Zeit dem Besten passiren: ein sehr guter Freund von mir hat einmal auf die politischen Steckbriefe ein Gedicht gemacht, das –« er fing schon wieder an, in den Taschen zu suchen – »das – in – der – That – es wird Sie vielleicht – vielleicht interessiren –«
Es klopfte in dem Augenblick stark an die Thür, und auf ein fast unwillkührliches lautes »Herein« des Dichters, der jedoch erschreckt danach zusammenfuhr, und »tausendmal« um Entschuldigung bat, öffnete sich die Thür, und ein junger Mensch, der Bote, den Herr von Gaulitz heute in die Stadt geschickt hatte, trat herein:
»Nehmen Se's nich vor ungut, Herr Oberpostdirecter,« sagte dieser, »daß ich so g'rad hereinfalle, aber 's war keener nich von den Bedienten da, und da dacht' ich, de Sache hätte Eile.«