»Der Gefangene,« fuhr der alte Pastor fort, »ein junger hitz- und tollköpfiger Bursche, voll überspannter Pläne und Leidenschaften ist der einzige Sohn unseres General-Superintendenten.«
»Ist es möglich?« rief Sophie erstaunt und überrascht.
»Ja – es ist allerdings eine wunderliche Geschichte,« bestätigte der Vater, »aber nichtsdestoweniger wahr und mir um so fataler, da der General-Superintendent weiß, auf welch' vertrautem Fuße ich mit dem hiesigen Gutsherrn und Gerichtshalter stehe, und – welchen Einfluß ich bis jetzt auf ihn ausgeübt. Ich habe den Oberpostdirector aber in meinem ganzen Leben noch nicht so starrköpfig und eigensinnig gefunden, wie gerade in diesem Falle; allen meinen vernünftigen Vorstellungen leiht er ein taubes Ohr und ich komme in der That in die äußerste Verlegenheit, wenn er den jungen Menschen wirklich den Gerichten überliefert und einer Strafe preisgiebt, die er sicherlich verdient hat, deren selbst nur theilweise Ursache ich aber doch unter keiner Bedingung sein möchte – ich wollte lieber den König als den General-Superintendenten zum Feinde haben.«
»Aber er wird ihn nicht ausliefern,« sagte Sophie, und der Ton ihrer Stimme, der Blick, den sie dabei auf ihren Vater heftete, das Alles verrieth, wie sie dennoch das Gegentheil von dem fürchtete, was ihre Lippen sprachen – »er hat es ja erst gestern Abend noch den Leuten aus dem Dorfe, die bei ihm waren, versprochen – er wird nicht wortbrüchig werden, ei denke doch Vater, wie er immer die Bibelsprüche im Munde führt, und oft schon, daß ich es mit eigenen Ohren gehört, zu Leuten, die sich wegen irgend etwas verschworen, sagte: ›Eure Rede sei ja ja und nein nein, und was darüber ist, das ist von Uebel‹ – er dürfte ja nicht einmal seiner eigenen Rede so entgegenhandeln.«
Der Pastor schüttelte, als wenn er an solche Gründe nicht so recht glauben wolle, den Kopf, stand aber endlich auf und sagte:
»Ich werde den heutigen Tag noch abwarten, bis dahin muß sich auch der Zustand in der Residenz entschieden haben und dann – was will die Dirne da draußen – die Grethe läßt mir doch auch Jeden herein, das ist ein Wettermädel.«
»Ach, lieber Vater, das muß die Sängerin – die Tochter des alten Musikanten sein!« rief Sophie, rasch von ihrem Sitze aufstehend – »Herr Hennig hat uns heute Morgen bei der Zeichnenstunde von ihr erzählt – Du lieber Gott, wie elend und ärmlich sie aussieht – das arme Mädchen – und die Kleider, wie abgetragen – was sie nur wollen mag.«
»Ein Almosen,« sagte der Vater mürrisch – »derlei Volk will Nichts als Almosen, darauf kannst Du Dich verlassen – ich gehe jetzt in mein Zimmer hinauf, um noch ein paar Briefe zu schreiben – halt' Dich mit der Dirne nicht lange auf, und schicke sie nur zur Mutter in die Küche – die wird sie schon abfertigen.«
Der Pastor stieg langsam die Stufen hinauf und Sophie öffnete indessen der Fremden, die nur einmal schüchtern angeklopft hatte und dann geduldig harrend vor der Pforte stehen blieb, die Thür.
Die Tochter des armen Musikanten war aber keineswegs, wie der Geistliche so lieblos geurtheilt, hierhergekommen, ein Almosen zu erbitten, nur Arbeit wollte sie, Arbeit im Hause des Wohlstandes, um das karge Leben nothdürftig zu fristen und dem Vater, dem es Mühe kostete, allein durch die Welt zu kommen, nicht auch noch zur Last zu fallen. Ihre Sprache war dabei edel und bescheiden und das ganze Wesen und Benehmen der Unglücklichen machte einen so tiefen und wehmüthigen Eindruck auf das weiche Herz der Jungfrau, daß sie sich lang und freundlich mit ihr unterhielt, ihr endlich Arbeit versprach und in der Stube Brod und eine Tasse Warmbier anbot, »weil es gerade dastand«, wie sie sagte, im Grunde aber, weil die Augen des armen Kindes so glanzlos und tief in ihren Höhlen lagen, daß sie sich des Gedankens nicht erwehren konnte, das Mädchen habe heute noch keine Nahrung zu sich genommen, und hungere, sei aber zu stolz, selbst das zu erbitten, was der erschöpfte Körper, sollte er nicht erliegen, bedurfte.