Marie hatte sich im Anfange der freundlichen Sorge fast theilnahmlos hingegeben, wie aber die süße Blume, die dem starren und stürmischen Nordwest still doch hartnäckig getrotzt und die Blüthe fest und krampfhaft jeder äußeren Gewalt verschlossen hielt, ihren duftenden Kelch rasch und sehnend dem milden wärmenden Sonnenstrahle öffnet, und über den linden Kuß des Zephyrs die thauige Freudenthräne weint, so schmolz endlich die zarte Schonung, die in jedem der an sie gerichteten Worte lag und sich selbst in den Gaben zeigte, die Sophien's Hand ihr bot, jene Rinde um das in Leiden gestählte, erstarrte Herz. Wohl kämpfte sie noch eine Zeit lang gegen jede Schwäche an, die ihren kalten resignirenden Ernst zu bewältigen drohte, und als sie fühlte, wie ihr die verrätherischen Thränen in die Augen traten, wandte sie sich ab und suchte die perlenden Zeugen des Schmerzes vor dem forschenden Blicke Sophiens zu verheimlichen.
Reines und heiliges Mitleid sieht aber scharf, wo es helfen und heilen kann, und Sophie glaubte gar bald den Kummer errathen zu haben, der in der Brust der Fremden so fest verschlossen, aber deshalb wohl noch mächtiger und erschütternder geruht hatte, weil ihr keine Seele lebte, der sie ihr Leiden anvertrauen konnte.
»Marie,« sagte sie nach einer ziemlich langen Pause, und ergriff des Mädchens Hand – »Marie – fehlt Ihnen etwas, das in meinen Kräften stünde, Ihnen zu verschaffen?«
Die Leidende blieb eine ganze Weile stumm und regungslos stehen, dann schüttelte sie leise den Kopf.
»Marie –« fuhr des Pastors Tochter schüchtern fort – »ich meine es gut mit Ihnen – ich meine es wahrlich gut mit Ihnen – wenn ich nur wüßte was – was Ihnen fehlte. – Sie sind – Sie sind nicht glücklich.«
Ein zweites leises Schütteln sollte wieder die einzige Antwort sein, und noch weiter ab drehte sie das bleiche Angesicht, aber nicht länger ließ sich der also heraufbeschworene Schmerz bewältigen – stärker und immer stärker drängte er herauf aus dem vollen, o so übervollen Herzen und endlich – endlich brach er sich mit unwiderstehlicher Gewalt in wildem, aber nicht linderndem Thränenstrom die stürmische Bahn, denn nicht freiwillige Thränen waren es, die den heißen Augenhöhlen entquollen und sie konnten deshalb das Herz auch nicht erleichtern und das Uebermaß der aufgehäuften Fluth drängte sie in's Freie, daß die Gefäße, die sie bis jetzt gehalten nicht vor der gährenden Kraft zerbersten und zertrümmern sollten.
Aber die starre Hülle, die ihr Inneres umschlossen, schien ebenfalls mit den vordringenden Thränen gefallen zu sein; ihre Gestalt zitterte, die Hand, die Sophie in diesem Augenblick ergriff, bebte wie im Fieberfrost, und rasch und plötzlich – dem aufblitzenden Gedanken gehorchend, wandte sie sich, barg ihr Antlitz auf der Hand der erschreckten Jungfrau – und schluchzte laut.
»Marie« flüsterte diese, »mein armes armes Kind, was kann ich für Sie thun – womit Ihnen helfen – sind Sie in so großer Noth? – ach ich will gern –« sie schwieg; denn plötzlich fiel ihr ein, daß sie ja erst am vorgestrigen Abend ihre ganze kleine Baarschaft weggeschenkt hatte und nicht einmal im Stande war auch nur ein Almosen zu geben – »ja – mein Vater wird – er muß helfen,« fuhr sie, rasch sich sammelnd, fort »mein Vater ist auch gut und mildthätig, nur zu viel hat er aber in letzterer Zeit geben müssen und dadurch erscheint er manchmal härter – weinen Sie nicht mehr, liebe Marie, wenn Sie hier in Horneck bleiben, können Sie sich darauf verlassen, daß ich Alles thun werde, was in meinen Kräften steht, Ihnen zu helfen und beizustehn.«
»Ich bin es überzeugt« flüsterte die Fremde mit einem innigen Händedruck – »Sie sind gut und freundlich – aber – verzeihen Sie den Ausbruch eines Schmerzes, den Sie, eben durch Ihre Güte selbst hervorgerufen – es war das erste herzliche Wort, was ich seit langer langer Zeit gehört, und wenn es auch wohl, o so unendlich wohl that, und so süß und tröstend in meine Seele klang, so beschwor es doch wieder Bilder herauf, die besser, o weit besser in tiefster Seele begraben geblieben wären.«
»Sehn Sie« suchte Sophie jetzt die Leidende zu trösten und zu zerstreuen; »wenn Sie hier wohnen bleiben und mit der Nadel gut umzugehen wissen, so kann sich Ihr Leben vielleicht noch ganz glücklich gestalten. Besonders im Sommer hat es uns bis jetzt immer an Näherinnen gefehlt, denn die Stadtleute, die hier herausziehn, brauchen viel neue Kleider und zerreißen sich die alten fortwährend an aufgestellten Eggen, Dornhecken, Disteln und andern ländlichen ›Unbequemlichkeiten,‹ wie sie's nennen. Ich will Sie Schüttens empfehlen – die kommen überall herum und Sie können sich darauf verlassen, daß Sie dann in kurzer Zeit bekannt und was noch viel besser sein wird, auch beschäftigt sind.«