»Wie freundlich Sie sind« sagte, mit herzlichem Dank im Blick, die Fremde – »Sie sollen auch sehn, ich werde sicherlich Alles thun, was in meinen Kräften steht, Ihr gütiges Fürwort zu verdienen; jetzt aber haben Sie mir auch Muth gemacht Ihnen ganz zu vertrauen und – eine Bitte ist es – eine Frage vielmehr, die ich mit aller Kraft meiner schwachen Beredsamkeit an Ihr Herz legen möchte, daß Sie dieselbe bei Ihren Herrn Vater befürworten möchten.«

»Und die lautet?«

»Sie betrifft nicht mich selbst« sagte Marie und schaute dabei mit dem jetzt von einem eigenen Feuer belebten, aber sonst festen und ruhigen Blick in das Auge der Jungfrau – »sondern einen Unglücklichen, der durch eine eigene Verkettung von Umständen gerade in diesem Augenblick so nothwendig der Hülfe fremder Menschen bedarf, denn seine Freunde – waren zu schwach ihm zu helfen.«

»Und wer ist es?« frug Sophie, Mariens Hand ergreifend – »wenn ich nur zu helfen vermag, es soll gewiß mit inniger Freude geschehen – gewiß Ihr Vater?«

»Nein – nicht der – nicht jetzt wenigstens, sondern ein Fremder – jener Unglückliche, der gestern Abend gefangen auf das Schloß – aber um Gott – was ist Ihnen? – Sie werden todtenbleich – Sie – – Sie kennen ihn?«

»Ich? – ja – Sie haben doch wohl von unserem Begegnen im Walde gehört,« sagte des Pastors Tochter rasch gefasst und sich mit Gewalt sammelnd – »er sollte uns räuberisch angefallen haben, hieß es im Dorfe, und der dazu kommende Jäger verwundete noch außerdem den armen Menschen. – Mir hat es recht von Herzen leid gethan, daß das um meinetwegen geschehen war und – es geht mir jedesmal wie ein Stich durch die Seele, wenn ich an jenen Tag denke. – Doch, wie kann ich ihm helfen – was kann mein Vater für ihn thun – wie – ja – wer ist er eigentlich, und – welchen Antheil nehmen Sie an seinem Schicksal?«

Der Fremden forschender Blick hatte fest und unverwandt auf der Sprechenden geruht – erst jetzt senkte sie ihn, und antwortete seufzend:

»Welchen Theil ich an seinem Schicksal nehme? – Er ist unglücklich – unglücklich, weil er den Armen zu nützen suchte, und mit freier und kühner Rede gegen Macht und Reichthum auftrat. Er selbst stammt von achtbaren Eltern – sein Vater ist Generalsuperintendent und ein reicher angesehener Mann; deshalb aber hassen die Großen des Reichs diesen Vorkämpfer der Freiheit so aus Herzensgrund, weil sie ihm nicht den Vorwurf machen können, Mangel und Noth oder ein verfehltes Leben habe ihn zu seiner politischen Meinung getrieben; deshalb sind sie wahrscheinlich so eifrig bemüht, ihn gefangen zu halten, weil sein Beispiel nicht ein zündender Strahl werden soll, der das Verderben bis in die Mitte der Gewaltigen schleudert, und den Thron stürzen könnte, der dem Heile des Volkes den Weg zur Freiheit sperrte. Für das Proletariat wirkte er mit allen Kräften, deren er fähig war, diesem eine menschliche Stellung unter den Menschen einzuräumen, die Aufgabe hatte er sich gestellt. Sollen die Armen da nicht an ihm hängen, die, denen er sein ganzes Leben, seine ganze Existenz geopfert? – Sollten sie ihn in der Noth verlassen, da er nur um sie in Noth gekommen?«

Sophie lauschte schweigend, mit halb weggewandtem Kopfe, aber mit freudigem Lächeln auf den lieben Zügen den Worten, die ihr so hold und süß klangen, weil sie das Lob des – sie wagte den Gedanken noch nicht auszudenken, aber ein Gefühl war es, das sie ergriff, als ob sie in sonniger Morgenstunde den feierlich erhebenden Tönen der Orgel lausche und die Seele ihr von des Chorals Accorden getragen, höher und höher hinauf zu dem lichten Dom des Allliebenden emporschwebe.

Marie verwandte keinen Blick von ihr, und ein eigenthümlicher Ausdruck von Spannung, Erstaunen und Zweifel lag dabei in den Zügen der Fremden. Endlich brach Sophie wieder das Schweigen und sagte leise: