»Und droht dem Manne Gefahr?«

»Ja,« war die rasche Antwort des Mädchens, deren ganzes Streben sich bei der Frage wieder blitzesschnell auf das eine fest und treu gehaltene Ziel geheftet – »ja – noch in dieser Nacht.«

»In dieser Nacht?« rief Sophie erschreckt, und ihre Wangen färbte ein höheres Roth, als sie sich so scharf und forschend beobachtet sah – »aber wie wäre das möglich – der Oberpostdirector –«

»Ist ein Schurke,« erwiederte eintönig die Fremde – »und Niemand kennt das vielleicht besser als ich – doch wie dem auch sei, er wäre zu Allem fähig, wo es den eigenen Nutzen oder Vortheil gilt, und ich weiß, daß sein Plan dahin geht, den Gefangenen heute Abend um neun Uhr an das nächste Militairpiket wahrscheinlich abzuliefern. Das zu vereiteln ist vielleicht nur ihr Herr Vater im Stande – er ist Geistlicher des Ortes – seine Pflicht als solcher geböte ihm schon, ein Menschenleben zu retten, wenn es in seiner Macht steht – sein Herz wird aber diese Pflicht zu einer doppelten machen, – wenn nicht gar – Mitleid für den Sohn seines Vorgesetzten – er kann dem Gefühl den Namen geben, und kein Mensch wird ihn tadeln dürfen, wenn er seine Stimme auch zu Gunsten eines Mannes erhob, den das Gericht verfehmt hatte und dessen Spuren die Häscher, wie der Jäger dem wilden Thiere, folgten.«

»Und noch in dieser Nacht? – Aber der Gutsherr hat ja versprochen ihn in Freiheit zu setzen, sobald er nicht ein schweres Verbrechen begangen – erst muß er hören, was der Unglückliche gefehlt, – eher darf er nicht richten; und ihn jetzt, in dieser Zeit ausliefern, wäre so gut wie ein Richterspruch.«

»Der Herr von Gaulitz hat schon Vieles versprochen aber Lüge ist sein Lächeln, und teuflische Hinterlist sein Wort – aus der Bibel citirt er die Sprüche Jesu, aber schwarz ist das Herz, das unter der gleißnerischen Zunge schlägt.«

»Doch vielleicht – vielleicht ist es ja nicht einmal so gefährlich,« sagte Sophie plötzlich, und ein Hoffnungsstrahl durchglühte dabei ihre Seele – »wer weiß denn ob sie ihn, wie die Sachen jetzt stehen, nicht augenblicklich wieder freilassen, so wie er die Residenz betritt, – möglicher Weise ist es viel besser, er wird dorthin abgeliefert.«

»Sie haben recht,« antwortete das Mädchen, und ihr Blick suchte mit ängstlicher Gier den Ausdruck der ihr halb abgewandten Züge zu erforschen – »vielleicht lassen sie ihn frei, und so mag denn der Gutsherr seinen Willen haben – man kann das wenigstens glauben, und – fällt es anders aus – wird er vielleicht gar – doch nein, das wäre ja nur eine Möglichkeit, und die – haben wir nicht voraussehen können.«

Sophie hatte in peinliches Sinnen versenkt dagestanden – die Worte des Mädchens schnitten ihr wie Messer in die Seele, und immer klarer wurde sie sich bewußt, daß auf Hülfe, wenn einmal in den Händen des wirklichen Gerichts, nicht mehr zu hoffen sei, und eine Rettung des Unglücklichen von hier jedenfalls ausgehen müsse. Aber wie – der Kopf schwindelte ihr von all' dem Sinnen und Denken – überall unübersteigliche Schwierigkeiten, überall gehemmt und beschränkt, und die Zeit mit jeder Secunde dem entscheidenden Momente rasch, furchtbar rasch entgegenstrebend.

»Nein – nein« sagte sie endlich, mit halblauter Stimme – sie schien in diesem Augenblick die Gegenwart der Fremden ganz vergessen zu haben – »es darf nicht sein – darf nicht geschehn? – aber wie es verhüten? – mein Vater muß da helfen. Ja, Marie – Sie haben recht« fuhr sie da plötzlich laut, und sich der Gegenwart der Fremden erinnernd fort. »Mein Vater ist gut – er wird nicht zugeben, daß ein armer Verfolgter ungerecht leiden soll – selbst wenn er nicht der Sohn eines ihm befreundeten Mannes wäre, – ich will mit ihm sprechen – verlaß Dich auf mich, was in meinen – was in seinen Kräften steht, wird er thun und meine Schuld soll es sein, wenn ich die Sache nicht mit Bitten unterstütze – sind Sie nun zufrieden gestellt, Marie?«