Sophie hatte ihre ganze Fassung wiedererlangt, und streckte mit milder Freundlichkeit dem erfreuten Schützling die Hand entgegen, Marie begegnete ihrem Blick, schaute ihr lange lange in das blaue seelenvolle Auge, ergriff dann die gebotene Rechte, preßte einen heißen innigen Kuß darauf und verließ plötzlich und ohne eine Sylbe noch zu erwiedern, Zimmer und Haus.

Sophie war allerdings über dieses schnelle Abschiednehmen etwas erstaunt, andere Gedanken drängten ihr aber in das zum Zerspringen volle Herz, und ohne weiteres Zögern suchte sie vor allen Dingen ihren Vater auf, von dem sie ja wußte, daß er die Befreiung des Sohnes des Generalsuperintendenten selbst wünsche und setzte diesen von dem eben Gehörten in Kenntniß.

Hierin hatte sie sich auch nicht getäuscht; ihr Vater schien durch die Botschaft, an deren wirkliche Genauigkeit er nur noch immer nicht glauben wollte, sehr beunruhigt, verlangte dann, allein gelassen zu werden, schritt lange in seinem Studierzimmer auf und ab, und ging endlich, mit der Bemerkung, man möge nicht auf ihn mit dem Essen warten, wenn er etwa zur rechten Zeit nicht zurück sein sollte, auf das Gut hinunter.

Aber schon lange vor Essenszeit kehrte er, und zwar in anscheinend höchst übler Laune, heim – allen Fragen Sophiens wich er dabei aus; versicherte erst, den Gutsherrn gar nicht getroffen zu haben, sagte dann, er sei ihm unterwegs begegnet und nicht im Stande gewesen, ausführlich mit ihm zu sprechen, weshalb er auch gegen Abend noch einmal hinuntergehen wolle, und schloß sich dann gleich nach Tische in sein Zimmer ein, das er auch nicht eher wieder verließ, als bis die Sonne schon hinter den goldglühenden Schwarzholzsaum versunken war und die Abendglocke ihre letzten zitternden Klänge als Gruß dem scheidenden Tagesgestirn nachgesendet hatte.

Viertes Kapitel.
Die Wilddiebe.

Ehe wir aber dem Pastor Scheidler auf seinem Abendgange weiter folgen, müssen wir uns noch einmal, um die Nachmittagszeit des nämlichen Tages auf das Hornecker Feld und zwar auf den östlich vom Dorfe liegenden Landstrich begeben, den dort, wie wir schon gesehen haben, einige ziemlich tief in den Hügelhang eingeschnittene Schluchten durchzogen, während hinter diesen wieder die Gegend flacher und der Boden niedriger, aber auch fruchtbarer wurde, und einzelne breite Rapsflächen theils mit frisch umgehackten Sturzen, theils mit noch unberührt daliegenden Weizenstoppeln abwechselten.

An der Ostseite der letzten schmalen Schlucht, dicht unter den Büschen, die hier schon ziemlich hoch den Rain überragten und die Gesichter der Niederung zugewandt, deren breite Fläche vom Fuße der flachen Hügel auslief, saßen drei in die gewöhnliche Bauerntracht gekleidete Bursche, und schienen eben ihr Frühstück oder Mittagsessen beendet zu haben, denn der Eine, der Müllerbursche aus der Rauschenmühle, wickelte ein übrig gebliebenes Stück Brod und Käse in das blaubaumwollene Tuch ein, das zwischen ihnen auf der Erde ausgebreitet gewesen, steckte es in die Tasche und griff nach einer neben ihm liegenden einläufigen alten rostigen Muskete mit Feuerschloß, deren Pfanne er sorgfältig prüfte, frisches Pulver aufschüttete, das Gewehr dann auf seine Knie legte und mit selbstzufriedenem Lächeln sagte:

»So, nun kann's wieder losgehen – ich hab' nichts dawider – wenn wir nur noch einen kriegten, daß Jeder seinen Hasen mit zu Hause nehmen könnte. – Hol's der Henker, 's ist doch beinahe zu viel Arbeit um so einen Bissen Fleisch; seit Tagesanbruch liegen wir nun draußen, und erst zwei lumpige Stück; denn von den vieren, die ich angeflickt habe, werden wir wohl nichts weiter zu sehen kriegen – der zweite ärgert mich, das war ein ausgezeichneter Schuß.«

»He he he,« lachte der eine Bauerbursche, »der schlengerte das eene Hingerbeen nich schlecht hin un widder. Aber wie kunnte die Krete noch auskratzen – das sach emal kurjos aus, wie Krautsch hinger em her den Rain nungersterzte. Aber – weiter derfen mer wohl nich an's Dorf nan, denn sunst kennten se uns knallen hiaren.«

»Dunnerwatter!« fiel ihm hier Krautsch, ein anderer Bursche aus demselben Dorfe in's Wort – »un was wärsch, wenn se's hiarten? – Laß Fritze Holken nur raus kommen, dem wullten mer heeme leichten, der sille an uns denken – das Aas das. – Härrje, was ich vor ne Bosheet uf den Grienrock hawe; wenn mer nur erscht de Volksbewaffnung kreihn, wie's uns der Docter versprochen hat – aber hernagens!«