Nur zwei Stuben oder Kammern, wie man es nun nennen wollte, befanden sich übrigens in diesen zur Aufbewahrung von Verbrechern bestimmten Mauern, und wurden durch einen schmalen Gang, der zu der hinteren Bodentreppe führte, geschieden; die eine von diesen bewohnte der »Voigt« vom Gut, der auch zugleich bei solchen Gelegenheiten die Schließerstelle versehen mußte, und die andere wurde für gelegentlich Eingebrachte offen gehalten, oder sollte doch wenigstens offen gehalten werden. Da es übrigens nur äußerst selten vorkam, daß in Horneck irgend ein wirklicher Verbrecher eingesperrt wurde, so benutzte der Voigt die Gefangenstube auch gewöhnlich zum Aufbewahren der aus der Mühle zurückkommenden Kleie, und selbst jetzt lag ein mächtiger Haufen von dieser, der in der Eile nicht hatte hinausgeschafft werden können, in der einen Ecke zusammengeschaufelt und angekehrt, und in der anderen befand sich ein kleiner Tisch und Stuhl; auf dem ersteren stand ein Wasserkrug und eine Schüssel mit eingebrockter Kürbissuppe, wie sie das Gesinde bekam, und ein Stück trockenes schwarzes Brod, aber kein Messer, sondern nur in der Schüssel ein hölzerner Löffel. In der einen Ecke lag noch eine zusammengeklappte Matratze mit wollener Decke.

In dem kleinen Raume schritt der Gefangene mit untergeschlagenen Armen hastig auf und ab, blieb manchmal an dem Fenster stehen, neben das er seinen Stuhl gerückt hatte, um nur hinausschauen zu können, lauschte auf das von draußen zu ihm hereintönende Geräusch, und setzte dann finster und brütend seine einförmige Wanderung fort.

»Das also ist Dein Dank, Du blinde Menge, zu deren Heil ich meine ganze Existenz in die Wagschale warf, das der Lohn für alle Aufopferung von meiner Seite, für die reine uneigennützige Treue, mit der ich mich Deinem Dienste weihte. Aber nicht zurechnungsfähig bist Du, armes verblendetes, irre geleitetes Volk – Jahrhunderte lang in Schmach und Knechtschaft gehalten, weht Dich der neue Freiheitstraum so plötzlich, so unerwartet an, daß Du Dein Glück noch gar nicht zu fassen vermagst, daß Du nicht begreifen kannst, welche Gewalt Dir plötzlich in die Hand gelegt, und wie es in Deiner Macht jetzt stehe, die, die Dich bis dahin gedrückt und in Schande und Schmach zu Boden gehalten, mit einem kräftigen Schlage zu vernichten. Erwache, mein deutsches Volk, erwache! – Der Morgen der Freiheit hat wirklich getagt; im schönen Frankenlande krähte der gallische Hahn seinen weit durch die deutschen Gauen schallenden Gruß, und im Norden, Süden und Westen greifen die Völker schon zu den Waffen, und die erstehende Sonne sieht ihr flammendes Bild tausend und tausendfältig von blitzenden Sensen und Schwertern zurückgeworfen.«

»Nicht reif seist Du, mein herrliches Volk, die schwerste Pflicht, die Pflicht der Selbstbeherrschung auszuüben, rufen Deine Feinde, die Männer mit Orden und Bändern, die Schranzen und Knechte sclavischer Disciplin – wie das Feuer seist Du, winseln sie in heuchlerischem Mitleid, dessen Kraft gezähmt und in Schranken gehalten werden müsse, um nicht unendliches Elend über unser schönes Vaterland zu bringen. Auf, auf, meine deutsche lodernde Flammensäule, zum Himmel empor sende Deinen rothen Feuergruß, und durch die Schaaren derer, die Deinem freien göttlichen Lichte hemmend entgegentreten, durch die Schatten der alten giftigen Nacht, deren Schleier der Bundestag so fest und furchtbar in seinen Krallen hielt, öffne Dir die freie herrliche Bahn. – Kein Brand wirst Du sein, der sengend Städte und Dörfer in Asche legt und die Wohnung des friedlichen Landmannes dem Boden gleich macht, sondern wie die segensreiche Gluth sollst Du über die Felder und Fluren ziehen, die auf den dürren Steppen das trockene holzige Gras im raschen Flug verzehrt, und den frischen grünenden Graskeimen Raum giebt zum fröhlichen Wachsthum und Gedeihen.«

»Glück auf, mein Volk! Wenn auch der Einzelne darüber untergeht, tausend Andere werden erstehen, und Dich mit weitausdröhnendem Jubelruf den Reihen Deiner Feinde entgegenführen. Nur zusammen haltet dann, wie der Schranzen Schwarm bis jetzt zusammenhielt. – Die Linke fasse in des Nachbars Gürtel, die Rechte schwinge hoch das breite Schwert, und Gottes Ungewittern gleich werft Euch vernichtend und verderbend den Massen des schon moralisch erdrückten Gegners in die Fronte.«

»Und Du, Sonne, die Du da drüben so bleich und trübe, von dämmernden Nebeln umdrängt, zur Ruhe gehst, steige rothglühend im Osten über ein freies Volk wieder herauf – und wenn Du dann auch mein Grab beschienest, ich wollte nicht klagen, dürfte mein Herz dann nur mit seinem letzten Blute den Boden eines freien einigen Deutschlands düngen!«

Er war bei diesen Worten wieder auf den Stuhl getreten, hatte den einen Arm, um sich oben zu halten, durch das Fenstergitter gezogen, und lehnte, nach der scheidenden Sonnenscheibe hinüber schauend, die heiße fieberische Stirn an die kalten starren Eisenstäbe seines Kerkers.

So stand er lange und träumend, – das Abendgeläute war schon lange mit dem frischen Hauch der von den Bergen wehte, in weiter Ferne verklungen; düstere Dämmerung lagerte sich auf der Erde, die Sterne blitzten matt und trübe durch eine dünne Nebeldecke nieder, die sich über das ganze Firmament gezogen; drüben aus dem Dorfe herüber funkelten die Lichter der stillen friedlichen Wohnungen, das Feuer der Schmiede sah er deutlich durch die Obstbäume, die zwischen dieser und dem Schloß die steile Aufdachung des Hügels deckten, niederscheinen, sah die Funken sprühen, und hörte die regelmäßigen Schläge der schweren Hämmer. Der heimkehrende Knecht, der nach Frauen Art seitwärts auf dem müden geduldigen Ackergaul kauernd vorüber zog, sang sich mit leiser Stimme ein kleines Lied – ein Gruß an den Schatz, den er »bei sich zu Hause« gelassen, und aus der Rauschenmühle kehrte der mit den gewichtigen Mehlsäcken beladene Rüstwagen zurück und hielt nicht weit von der Thüre des Gefangenen an, so daß dieser, in einer Art Halbtraum, in dem sein Ohr die äußeren Eindrücke nur dumpf und unbestimmt vernahm, hören konnte, wie die einzelnen Säcke langsam und in regelmäßigen Zwischenräumen die steile Treppe, welche zu den Getreideböden und Vorrathskammern führte, hinauf getragen wurden. Dann spannte der Knecht die Pferde aus, die allein zu ihrem Stall hinüber trabten, der Wagen wurde unter den Schuppen zurück geschoben – das Gesinde ging zum Essen in die Gesindestube, und lautlose Stille lag auf dem weiten Gebäu des Gutes.

Wahlert wußte selber nicht, wie lange er so und in dieser Stellung mit seinem Arm an dem Gitter verweilt, den Blick auf die bleich funkelnden Sterne gerichtet, als leise und vorsichtig der Schlüssel in das Schloß seiner Thüre geschoben und eben so geräuschlos aufgeschlossen wurde. Erstaunt wandte er den Kopf, denn sein Wärter war sonst stets rasch und rücksichtslos zu ihm herangetreten, und eine eigene frohe Ahnung durchschauerte ihn – vielleicht nahte ein Rettungsbote und die wieder aufsteigende Sonne sah auch ihn frei und fröhlich wie die aufwirbelnde Lerche über die dampfenden, vom Nebel umschleierten Berge ziehen. –

Eine dunkle Gestalt glitt in's Zimmer und blieb wie schüchtern an der Thüre stehen, die sich wieder hinter ihr schloß.