»Wer ist da – seid Ihr es, Voigt?« frug Wahlert, und trat von dem Stuhle herunter in die Stube.
»Herr Wahlert,« lautete die ängstlich zitternde Antwort – »ich komme, Sie zu retten!«
»Heiliger Gott, diese Stimme!« rief der Gefangene und preßte sich, kaum seinen Ohren trauend, die ihm den Klang der süßen Laute verriethen, die heiße brennende Stirn – »Sophie –«
»Um Gottes Willen, sprechen Sie leise,« flüsterte das arme, an allen Gliedern bebende Mädchen – »und nur wenige Secunden sind mir vergönnt, deshalb bleibt mir auch keine Zeit, mein Hiersein zu entschuldigen. Nur Mitleid für Sie trieb mich her. Heute Abend um neun Uhr sollen Sie von hier fortgeschafft und den Militairgerichten überliefert werden – was Sie verbrochen haben, weiß ich nicht – will es nicht wissen – nur die eine Frage beantworten Sie mir – wahr und redlich, als ob Sie vor Gottes Throne ständen, aber auch ohne Bedenken und ohne Rücksicht auf mich und die Ursache, die mich vielleicht bestimmte, dieselbe an Sie zu richten. Ist Ihr Leben bedroht, wenn man Sie der Militairgewalt überliefert?«
»Jedes Geheimniß falle, das zwischen mir und Ihnen stehen könnte,« rief da Wahlert, und ergriff die bittend gegen ihn ausgestreckte, sich seinem Drucke nicht entziehende Hand – »kennen Sie mein Vergehen, so sind Sie auch selber im Stande, zu verstehen, was mich bedroht. – Man hat eine Correspondenz aufgefangen, die ich mit Frankreich unterhalten, von dort her unsere deutschen Brüder zu Hülfe zu rufen und die fröhliche rothe Fahne der Republik auf Deutschlands Berge zu pflanzen. In diesem Augenblicke haben die Freunde vielleicht schon einen Einfall in Baden gewagt, oder stehen wenigstens in Waffen an der Grenze, ich aber, der jetzt hier wirken und schaffen sollte, daß auch wir, die wir unter dem Drucke der Tyrannei geschmachtet, denen die treue Bruderhand reichen, die Heerd und Arbeit verlassen haben, uns zu Hülfe zu eilen, ich bin hier von Kerkermauern umschlossen und kann, darf nicht hinaus in's Freie.«
»Und glauben Sie, daß nach diesem Vergehen Gefahr – vielleicht Ihr Leben bedroht?«
»Mein Leben? – ich fürchte kaum – allerdings sind die Beweise gegen mich klar genug und dem alten Regime wäre das Aeußerste zuzutrauen, wo es ja auch vielleicht die eigene Erhaltung gilt –«
»Dann fliehen Sie – fliehen Sie, so rasch Sie können, und verlassen Sie Deutschland so lange noch der Frieden nicht wieder hergestellt ist, und die Gemüther sich beruhigt haben – ich wußte den Schließer zu gewinnen – er dankt mir Alles, was er auf dieser Welt besitzt, und will selbst seine Stelle daran setzen, mir zu dienen – fort – fliehen Sie so lange Ihnen noch Zeit dazu vergönnt ist, hält erst der Morgen vor der Thür, wo Ihnen jedenfalls Bedeckung mitgegeben wird, dann ist es zu spät und Sie sind verloren.«
»Und soll ich, ein flüchtiger, mit Steckbriefen verfolgter Verbrecher diesen Ort verlassen? Soll ich das einzige Land meiden, wo ich bis jetzt gekannt bin, wo ich wirken und das gute Werk fördern kann? – Soll ich meinen Feinden die Freude machen, daß sie mich wie einen entsprungenen Sträfling für vogelfrei erklären und auf mich fahnden lassen dürfen. Lebte noch Recht und Gerechtigkeit, so müßte das Volk mit eisernem Arm meinen Kerker brechen, und auf seinen Schultern den in's Freie tragen, der mit Herz und Kopf sich ihm allein geweiht, so aber schlafen sie selbst noch in der Residenz, das Ministerium, dem Millionen fluchen, steht fest und unerschüttert, und seine Macht ist noch wie vorher unge–«
Er schwieg plötzlich, denn ein kleines Paket fiel schwer aber weich durch die Gitterstäbe des offenen Fensters auf die Kleien in's Zimmer.