»Mamsell Sophiechen!« rief in diesem Augenblicke draußen vor der Thür die warnende Stimme des alten Voigt – »Mamsell Sophiechen, was Sie thun wollen, thun Sie schnell – oben im Dorfe ist ein merkwürdiger Spektakel und eben ist die Kutsche in's Gut gebracht. Wenn Sie noch lange machen, können Sie am Ende selbst nicht mehr heraus.«
»Herr Wahlert,« flüsterte Sophie in Todesangst – »bauen Sie nicht – trotzen Sie nicht auf die Menge, auf die Bauern von Horneck. – Für politische Größe haben sie keinen Sinn – wo ihr materieller Nutzen nicht in's Spiel kommt, wo sie nicht einen wirklichen leicht begreiflichen Vortheil zu erringen hoffen, sind es die entsetzlichsten Egoisten – und ein Nutzen, wie die ihn im Stande sind zu verstehen, kann ihnen aus Ihrer Befreiung nicht erwachsen. Als sie sich neulich zusammenrotteten, bedurfte es nur weniger Worte des Gutsherrn, den Sturm zu beschwören – der Doctor Levi, der sich ihrer Gleichgültigkeit mit Gewalt entgegenstemmen wollte, wurde mißhandelt, und die heutigen Zeitungen melden, wie die Bewohner der Residenz sich schon wieder den Verfügungen der Residenz unterzuordnen scheinen, wonach es denn wahrscheinlich wäre, daß sich die Minister am Ende doch noch hielten. O fliehen Sie, fliehen Sie, wenn nicht um sich zu retten, doch um des Volkes willen, dem Ihr Streben gilt – fliehen Sie, ohne einen Augenblick weiteren Zögerns – die Minuten schwinden in rasender Schnelle und bald, o Gott, wie bald könnte es zu spät sein.«
»Zu spät, allerdings ein bedeutungsvolles Wort,« lächelte Wahlert, »aber nicht für mich – ist das alte Reich der Residenz aus seinen Fugen gerüttelt, ja, wäre es selbst einmal noch nicht vollkommen gestürzt, dann wird es dieser Oberpostdirector wahrlich nicht wagen, mich irgend einem Gericht zu überliefern; ja, thäte er es, er fände keins, das sich in diesem Augenblicke seinen Anforderungen fügte – nein, kocht und gährt es schon hier in dem stillen Orte, dann ist auch kein Zweifel mehr, daß des Volkes freier Sinn den Mann, der seinethalben hier in Banden liegt, mit kräftig muthiger Hand befreien wird. Ein Gewaltstreich muß aber erst, und zwar vom Volke aus, geschehen sein, ehe die Flamme des Aufruhrs sich erheben und furchtbar vorwärts schießen kann über das weite Land – unser Vaterland ist nun einmal zerstückelt und in jedem kleinen Theile desselben muß leider die Revolution auf's Neue geboren werden – unsere Aufgabe aber ist es dann, das junge, seiner kaum bewußte Kind in Blitzesschnelle zum Riesen heranzubilden, und auf seinen Schultern lagern wir nachher in sicherer Ruhe, wenn seine Keule unter und neben uns die Throne zu Boden schmettert und nur unser Geist die gigantische Kraft des Kolosses zu leiten braucht.«
»Sie tödten mich und sich mit diesem starren Trotz,« bat die Jungfrau – »Sie kennen den Gutsherrn nicht, dessen boshaft trotziger Geist das Aeußerste daran setzen würde, seinen einmal ausgesprochenen Willen durchzuführen – verlassen Sie nur jetzt wenigstens den Hof – um meinetwillen, Wahlert – wenn nicht um Ihret-, nicht um Ihres alten Vaters willen –«
»Sophie,« flüsterte der junge Mann, und das wilde, unzähmbare Herz, das bei der früheren Nachricht vom Sturz des Ministeriums schon tausend und tausend kühne und luftige Pläne gebaut, zitterte vor dem weichen Tone dieser sanften Stimme und beugte sich der holden Angst des süßen Kindes – denn diese Angst füllte ja die reine heilige Brust für ihn – für ihn lebte die schlanke Gestalt und schmiegte sich zagend, verzweifelnd an sein Herz, als er den Arm mit leisem beschwichtigenden Trost um ihre Achseln legte.
»Sophie,« flüsterte er endlich und drückte einen Kuß auf ihre bleiche Stirn – »Sie schaffen mir den Kerker zu einem Himmel um, und machen mir die Stunde, die, ehe Sie kamen, meine trübste war, zu einem seeligen Augenblick. Ich glaubte, ich wäre stark und mein einmal gefaßter Entschluß nicht mehr zu ändern – ich bin aber nur wie ein schwankendes Rohr, das ein Hauch ihrer Lippen bewegen kann. – Gut, ich will fliehen, süßes Kind, will Ihrem Rathe folgen, so mit Gott denn und seiner kräftigen Hülfe. Er wird ein freies wackeres Volk nicht verlassen, und wenn er seine Engel schickt, kann seine Hand nicht irre leiten. So leben Sie denn wohl – zum zweiten Male wohl, wo Sie mir als rettender Schutzgeist erscheinen und möge Germania's Fylgia die That Dir lohnen, die Du an einem ihrer treuesten Söhne gethan. Schütz Dich Gott, mein süßes Kind.«
Mit fieberhafter Angst hatte Sophie indessen mehr und mehr der Thüre zugedrängt, denn ihr scharfes Ohr vernahm draußen Klänge, die ihr das Blut in den Adern erstarren machten – das Rasseln eines leichten Wagens wurde laut – Rosse stampften, und dicht vor der Thür des Hauses hielt er an.
»Großer allmächtiger Gott, es ist zu spät,« stöhnte die Jungfrau, und nur Wahlert's Arm hielt sie in diesem Augenblicke aufrecht, daß sie nicht vor Angst und Schmerz zusammenbrach.
Ein lautes Klopfen an der Thür bestätigte ihre Worte.
»Hallo da –« rief eine Stimme, die sie bald an den gellenden Tönen als die des jungen Poller erkannte – »hallo, Voigt – seid Ihr schon zu Bett? – Aufgemacht! – Droben im Dorfe ist der blanke Satan wieder los!«