Die kleine Thüre des Gefängnisses öffnete sich zu gleicher Zeit und das bestürzte Gesicht des alten Voigt wurde drinnen sichtbar.

»Sehn Sie, wie ich Sie nicht umsonst gewarnt habe, Mamsell,« rief er mit bitterer Angst im Ton, aber zu leisem Flüstern unterdrückter Stimme – »jetzt nur fort und in meine Stube, sonst Gnade mir und Ihnen der liebe Herr Gott.« Und ohne eine weitere Antwort des armen Kindes abzuwarten, ergriff er ihren Arm und zog sie rasch durch die geöffnete Thür nach seiner Stube hinüber.

»Aber was wird aus ihm?« bat mit leisem Flehen die Jungfrau – »wenn er nur durch Euer Fenster –«

»Jetzt, wo die Gerichtsdiener vor dem Hause stehen?« zischte in unbegrenztem Erstaunen der Greis – »na, weiter fehlte mir gar Nichts.«

»Hallo da, Voigt!« schrie die piepige Stimme noch einmal draußen, und ungeduldiger als vorher – »was zum Teufel hast Du da drinn zu flüstern und zu fispern – aufgemacht – der Herr Oberpostdirector kommt eben die Treppe drüben herunter und der – ich dächte, Du wüßtest das, wartet nicht gern lang.«

»Fort – fort – jetzt ist's zu spät!« flüsterte der alte Voigt und schob das zitternde Mädchen ohne Weiteres in seine Stube, deren Schlüssel er abzog, drückte die Gefängnißthüre in's Schloß und öffnete dann rasch den anderen Eingang.

Er stellte sich hier schlaftrunken, als ob er eben erst erwacht und von seinem Lager aufgesprungen wäre, die Männer dort nahmen aber gar keine weitere Notiz von ihm – mit einigen kräftigen Flüchen, daß er sie so lange hatte warten lassen, traten sie in den Gang, ließen sich, auf Befehl des Herrn von Gaulitz selber, der in diesem Augenblicke ebenfalls am äußeren Eingang erschien, die Gefängnißthüre öffnen, und führten gleich darauf den Gefangenen heraus an den Wagenschlag.

Wahlert warf hier den Blick im Kreis herum, und der warnenden Worte des holden Pastorkindes gedenkend, schien er im ersten Moment gar nicht übel Lust zu haben, einen Versuch zu machen, ob er nicht das Freie gewinnen, oder doch wenigstens die Leute aus dem Dorfe dadurch herbeiziehen und vielleicht einen Aufruhr zu seinen Gunsten anfachen könne, die Gerichtsbeamten aber, die ihn umstanden, sahen zu entschlossen und kräftig aus, um ihm auch nur die geringste Hoffnung auf günstigen Erfolg zu geben – das große Thor war dabei ebenfalls noch verschlossen, und der dabei stehende Wächter harrte erst des Zeichens, es zu öffnen und dem Wagen den Durchgang zu gestatten, während in das kleinere eben mehrere Ackerknechte hereinkamen und ihm auch da die Flucht abschnitten.

Rasch trat er da zum Schlag und hob den einen Fuß, um hineinzusteigen – nur noch einmal wandte er den Kopf und frug den Oberpostdirector, der in diesem Augenblicke dicht neben ihm stand:

»Und wo führen Sie mich hin?«