»Werdet's schon noch zeitig genug erfahren!« lautete aber die barsche Antwort, die beiden Gerichtsdiener schoben ihn in den Wagen und sprangen selbst nach, der Schlag flog zu, der Kutscher, der schon oben auf dem Bocke saß, knallte mit der Peitsche – auf knarrte das Thor, die rüstigen Rosse zogen an und mit Windesschnelle rasselte die leichte Karosse, von den kräftigen Thieren gezogen, über den Plan hinaus, den Berg aufwärts.

Sechstes Kapitel.
Ein Republikaner.

Müllers Friede und Krautsch waren, wie schon früher erwähnt, nach der Rauschenmühle gegangen, um dort den Aerger über die verlornen Hasen, wie das fatale Gefühl gar bald vielleicht wegen Wilddiebstahls vor Gericht geladen zu werden, in spirituosen Getränken zu ersäufen. Dort fanden sie Gesellschaft genug, und auch solche, die gern mit ihnen in ein und dasselbe Horn stieß; der wachsende Grimm, der dadurch immer neue Nahrung, nirgends aber einen Widerstand fand, reizte die tollen Burschen, von dem übermäßig genossenen Kartoffelbrandtwein kräftig dabei unterstützt, zu immer größerem Uebermuth. Der Zorn, der Anfangs in allgemeinem Fluchen und Schwören seinen Ausbruch gefunden, lenkte sich in eine bestimmtere Bahn, und zwar gegen die Jäger und den Rittergutsbesitzer. Der alte Holke war schon manchem von diesen trotzigen Gesellen störend bei ungesetzlichem Forst- oder Wildfrevel in den Weg getreten; kaum Einer befand sich hier, der nicht schon entweder einmal vier oder sechs Wochen gesessen, oder schwere Strafe hatte zahlen müssen, und als endlich Einer im wilden Rausch den Vorschlag machte, noch einmal wie neulich, hinunter auf's Gut zu ziehn und den Herrn von Gaulitz aufzufordern, seine beiden Jäger zu entlassen, stimmte die Masse jubelnd ein, und man vereinigte sich nur noch darin, erst in der Hornecker Schenke die Gleichgesinnten aufzufordern, sich ihnen anzuschließen.

Etwa funfzehn junge Burschen marschirten solcher Art mit ihren Flaschen in der Linken und großentheils tüchtigen Knitteln in der rechten Faust, Horneck zu, und wurden hier mit Jubel von einer nicht geringen Zahl zu jedem Exceß Bereiter empfangen. Diese, die noch immer den Anhang des Dr. Levi bildeten, rückten den würdigen kleinen Mann denn auch ohne Zögern vor's Quartier, und forderten ihn auf, noch einmal ihr Führer und Sprecher zu sein. Der kleine Doctor mochte aber doch wohl ein Haar darin gefunden haben, sich an die Spitze der Hornecker Bauern zu stellen – Hornecker Fäuste hatten ihm wenigstens viel zu nachdrücklich zu verstehn gegeben, was sie sich unter der Freiheit dächten. Ueberdieß war auch noch das Gerücht zu ihm gedrungen in Sockwitz liege Militair, und er wollte es deshalb wahrscheinlich nicht darauf ankommen lassen, vielleicht ebenfalls als Rädelsführer aufgegriffen und dahin abgeliefert zu werden. »Die Aristokraten leisteten noch zu vielen Widerstand, Horneck war noch nicht reif für männliche That,« und Levi's Fenster blieb dunkel, seine Thüre verschlossen, als von unten herauf der laute Ruf nach ihm an sein Ohr drang.

Längere Zeit stürmte und lärmte indeß die Menge vor dem kleinen Haus und durch Neugierige vermehrt war die Schaar schon zu einem nicht unbeträchtlichen Haufen angewachsen; diesem fehlte aber ein Führer, Jemand, der die Ordnunglosen hätte leiten und zu einem bestimmten Ziel hinführen können. Viele schrien eben nur, weil sie sich selber gern wollten einmal schreien hören, Andere standen ganz erstaunt und wunderten sich, daß noch immer kein Gerichtsdiener kam, der sie sammt und sonders einsteckte, und befanden sich dabei fortwährend auf dem Sprung, um bei erstem Anzeichen irgend einer Gefahr ungesäumt ihr Heil in der Flucht zu suchen. Auch in den benachbarten Straßen vertheilten sich schon Einzelne und die drohende Fackel des Aufruhrs schien auch dießmal für Horneck ruhig und unschädlich verlöschen zu sollen.


Als Marie die Pfarre verlassen hatte, kehrte sie in die kleine enge Wohnung zurück, die ihr Vater für sie Beide der Ersparniß wegen in Horneck gemiethet hatte – aber auch hier litt es sie nicht lange – draußen, draußen entschied sich jetzt das Schicksal eines Mannes, an dem ihr Herz mit all seinen geheimsten und innersten Fasern hing, und draußen mußte sie sein, sollte sie nicht hier in den eng umschlossenen Räumen vor Qual und innerer Seelenangst vergehen. Aber auch nicht oben im Dorfe ließ es ihr Ruhe; mit der Dämmerung schlich sie wieder hinunter zum Hof und wußte sich endlich in dem Wagenschuppen, hinter dort aufgeschichteten Reisigbündeln zu verbergen, von wo aus sie das dicht vor ihr liegende Gefängniß wie die Thüre des Herrnhauses zugleich und vollkommen übersehen konnte.

Von dort aus erkannte sie des Pastors Tochter, die im dunkeln Gewande in die Thür des Gefängnisses schlüpfte; von Gefühlen gefoltert, die ihr das Blut in rasender entsetzlicher Schnelle durch die Adern jagten, harrte sie in ihrem Versteck der Rückkunft des Mädchens, der Rettung des Gefangenen – ihr war auch der helle Schein nicht entgangen, der, wenn auch nur für einen Augenblick, den inneren Steinfries des begitterten Fensters erhellte – die Minuten wurden ihr zu langsam hinschwindenden Stunden und immer noch zögerten die Unseligen – zögerten, wo der nächste Moment ihr Verderben besiegeln konnte.

Da – heiliger Gott wie ihr das Herz schlug vor Angst und Schrecken, da rollte die leichte Kutsche des Herrn von Gaulitz, durch des Stellmachers Gesellen geschoben, in den Hof – hinten aus dem Stallgebäude wurden die Pferde vorgeführt, um eingespannt zu werden – Gerichtsdiener erschienen – an dem Herrenhaus blieben sie kurze Zeit plaudernd stehn – noch war es möglich – wenn er jetzt herauskam und im Schatten des Gebäudes – gerad' an dem Schuppen vorbei, hingeschlichen wäre, hätte er das Thor erreichen können, ehe man ihn vermißte und einmal im Freien brauchte er nicht zu fürchten in der Nacht eingeholt zu werden. – Jetzt gingen die Männer auf die Gefängnißthüre zu – ha – ein dunkler Schatten – Heiland der Welt es war zu spät – jener Schatten gehörte der schleichenden tückischen Gestalt des jungen Poller – dem feilen Werkzeug des zu Allem fähigen Gutsherrn – er pochte an die Thüre, und das Schicksal Wahlerts war entschieden.

»Zu spät,« stöhnte sie, und barg einen Augenblick das Antlitz in den Händen, dann aber, wie von einem jähen Gedanken durchzuckt, fuhr sie empor, glitt aus ihrem Versteck hervor, warf noch einen scheuen Blick nach der Gruppe zurück, die jetzt die Thüre, hinter welcher Wahlert gefangen saß, fast umzingelt hielt, und floh raschen Laufes in das Dorf hinauf und der Stelle zu, von woher noch immer einzelne Laute der durch die Straße lärmenden Schaar zu ihr hernieder tönten.