Die Straße, in der Doctor Levi wohnte, kam eben ein Schwarm jubelnd und »ein freies Leben führen wir« singend herunter – an der Spitze war Krautsch und Müllers Gottfried – Beide angetrunken und Beide wieder im Begriff, zur Schenke zurück zu ziehen, und sich dort bei einem »frischen Glas« zu bereden, was jetzt weiter zu thun sei.

Diesen trat Marie mit den bleichen erregten Zügen in den Weg, und des vor der ungewöhnlichen Erscheinung zurückschreckenden Müllers Arm ergreifend, rief sie ihnen mit strenger befehlender Stimme zu:

»Seid Ihr Männer, daß Ihr Einen, der nur gelebt hat, um Euer Wohl zu sichern, aus Eurer Mitte heraus den Henkersknechten überliefern laßt? – Unten aus dem Schloßhof wird in diesem Augenblick der Gefangene im verschlossenen Wagen fortgeschafft, um einem Militaircommando in Sockwitz überliefert zu werden – kein Verbrechen hat er begangen, als daß er den Arbeiter und den gedrückten Proletarier vertrat, kein Verbrechen als das, ein Feind der Faulenzer in den Städten und der Fürsten auf ihren schimmernden Thronen sich genannt zu haben, und wenige Knechte der Polizei können ihn heraus holen, selbst aus Eurer Mitte.«

»Es ist schändlich – es ist niederträchtig!« schallte von mehreren Lippen der Marien jetzt Umdrängenden – »das sollte man nicht leiden!«

»Nein,« sagte der Müller mit lallender Zunge – »Hol mich der Deibel, ich wollte ich hätte die Kerle hier.«

»Nachens wullen mer nunger!« fiel da Krautsch mit Autorität in die Rede – »un da soll 'en der Bese das Licht haalen.«

»Nachher ist es zu spät –« bat Marie mit flehender Stimme – »nur wenige Secunden noch, und der Wagen passirt jene Straße dort, der einzige Platz, wo Ihr im Stande wäret ihn aufzuhalten – den Augenblick versäumt, und Ihr selber habt den gemordet, der Euer einziger Retter sein könnte.«

»Eenzige Retter?« knurrte Krautsch, und wollte das Mädchen bei Seite drängen – »wird nich gleich in's Gras beißen – weg da Mamsell – jetzt missen mer erscht in die Schänke, un sähn wie mer Holkens Fritze fangen – där Hund is der erschte, der dran glooben muß – Gott verdamm' mich.«

»Ja – den Jäger müssen mer haben,« bestätigten ein paar Andere – »uffhängen wullen mern – un hernachens sull er die Flinte widder 'raus gäben, die er Krautschen abgenommen hat.«

»Der Jäger Fritz?« rief Marie, und ein glücklicher Gedanke schoß ihr durch's Hirn – »der ist im Wagen mit dem Gefangenen – der soll ihn gerade Euren Feinden überliefern – beim ewigen Gott! dort kommt er schon die Straße herauf – rasch, oder er entgeht Euch und Eurer Rache.«