»Der Jäger in der Kutsche dringe?« schrien die Bauern, und schauten nach dem ziemlich langsam den gerade hier etwas steilen Weg herauf kommenden Fuhrwerk.
»Den soll a Gäwitter verschlahn!« rief Krautsch, und schwang seinen riesigen Prügel – »hurrah!« und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ja ohne nur nachzusehen, ob ihm die Uebrigen seiner Begleiter folgten, warf er sich in trunkenem tollkühnen Muthe dem Wagen entgegen, und fiel mit lautem und gellenden Jubelgeschrei den Pferden in die Zügel. – Die Uebrigen stürmten jetzt auch heran, und die Pferde, scheu gemacht, schreckten zurück; dadurch wurde aber der Wagen seitwärts abgeschoben, die linken Räder kamen auf höheren Boden als die rechten standen, und die Kutsche, die sich einige Secunden auf den ersten balancirte, schlug dermaßen um, daß sie im Anfange förmlich auf die Decke zu stehen kam, und nur erst, als die Federn der einen Seite zusammenbrachen, wieder zurück auf die Flanke fiel.
Die Schaar, durch das plötzliche Gelingen dieser ersten Gewaltthat noch mehr gereizt, und durch den, von wilder Rachlust beseelten Bauer angefeuert, warf sich jetzt mit Blitzesschnelle auf den Kutschenschlag, und riß die darin Befindlichen hervor.
Armer Fritz, wie wäre es Dir ergangen, hätten Dich Deine trunkenen Feinde in diesem Augenblick in ihre Gewalt bekommen – wer weiß, zu welcher rohen Gewaltthat die Rotte reif gewesen, denn der Bauer hat sich bis jetzt und bei solchen Gelegenheiten, was auch sonst sein Charakter seien mochte, fast stets wilder noch als die reißende Bestie des Waldes gezeigt. Hier aber sollte ihnen keine Gelegenheit geboten werden, ihre Wuth wenigstens an dem ersehenen Opfer auszulassen; Fritz war schon vor Dunkelwerden und gleich nach der Anzeige der ertappten Wilddiebe mit seinem Vater über die Rausche zurückgefahren, und nur zwei bleiche, zum Tod erschreckte, und durch den Sturz halb betäubte Gerichtsdiener zogen sie aus dem aufgerissenen Wagenschlag heraus.
Während aber nun der eine Theil der Aufrührer den befreiten Wahlert umtobte, und ihm zujauchzte und jubelte, suchten die anderen noch in voller Wuth nach dem Jäger, den ihnen der Fremden List versprochen hatte – und die einmal zur Gewaltthat Getriebenen wären auch jetzt fast weiter gegangen, denn ein Opfer, schien es, wollten sie haben, und die Mißhandlung der unglücklichen Diener der Gerechtigkeit, die ihnen gerade in die Hände gefallen, wäre kaum genügend gewesen.
»Auf's Schloß hinunger!« rief da eine Stimme – »da stäckt der Jiager – brännt dem Lump der Härrschaft doch das ganze Näst iberm Schädel ab!«
»Auf's Schloß, auf's Schloß!« tobten die Rasenden, und wilde Drohungen und Schmähreden über die Wortbrüchigkeit des Gutsherrn, über den Druck unter dem sie geschmachtet, über Jäger und Beamte wurden laut – nach Bränden schrie ein Theil, nach Brechstangen und Aexten ein anderer; aus den nächsten Häusern wurden schon die verlangten Werkzeuge herbeigeschleppt, und die wüthende Schaar wälzte sich langsam, aber mit jedem Schritt anwachsend, und mit dem lauten Gebrüll »die Republik soll leben!« den Hügel hinunter und dem Schlosse zu.
Um den Befreiten hatte man sich nach dem ersten Jubelruf kaum noch mehr gekümmert, und dieser fühlte sich jetzt von einer weiblichen Hand ergriffen, die ihn mitten aus dem Gedränge heraus auf die Seite zog.
»Eilen Sie in die Stadt!« sprach dabei eine Stimme, vor der er wie von einem jähen Schlag getroffen zusammenzuckte – »noch steht der alte Staat, aber das Volk ist in Gährung, nur an einem Kopfe fehlt es zu klugen Rathschlägen, nur an einem Arme, das Banner der Freiheit voran in die Reihen der Feinde zu tragen. Heute Nachmittag erst ist wieder ein Bote aus der Stadt zurückgekehrt – auf allen Lippen ist dort Ihr Name, ein neues Ministerium zu bilden und das Reich zu retten vor Untergang und Verderben – fort, in Ihren Händen liegt jetzt das Wohl des Landes – treten Sie dort frei und unerschrocken auf, und Ihre Feinde, die jetzt noch mächtig sind, sinken in den Staub. – Wirken Sie wie bisher für die Armen, und das Volk wird Sie segnen!«
»Marie« – sagte Wahlert mit tiefer schmerzlicher Rührung im Ton, und wandte leise das bleiche leidende Angesicht des Mädchens gegen den hellen Sternenschein – »Du hier und – also? – Meine arme Marie.«