Des alten Musikanten Tochter zitterte an allen Gliedern, auf einen Augenblick stand sie wie unschlüssig zögernd, dann aber rief sie, rasch sich sammelnd, »fort, fort!« – und wandte das Angesicht wieder ab von dem verrätherischen Schein – »die Rasenden stürmen unten das Schloß, und Ihr Name darf nicht mit der Mitwissenschaft dieses Frevels befleckt sein – vielleicht wäre es sogar noch möglich, sie zurück zu halten – o eilen Sie, eilen Sie um Ihret- – um – Sophiens willen.«
»Sophie? – Ha – wie kommt der Name auf Deine Lippen?« frug Wahlert mehr erstaunt als erschreckt.
»Sie ist unten im Schloß!« sagte eintönig Marie.
»Die Hand der Bauern wird sich nicht gegen ihres Pastors Tochter erheben,« rief Wahlert rasch, »aber wie dem auch sei, Du hast recht, das Entsetzliche darf nicht geschehen, nicht Mord noch Brand die Bahn bezeichnen, die der Freiheit Spuren hinterlassen. – Dank Dir für den Wink, und auf jetzt, einem freien herrlichen Ziel entgegen.«
Mit flüchtigen Sätzen flog er den Hügel hinab der Stelle zu, von wo wüstes Toben und Geschrei zu ihm herüberdrang, und eben im günstigen Augenblick kam er, um die entfesselte Wuth der Rasenden zu zähmen, die sich im wilden Ansturm über den friedlichen Hof ergießen wollte. Das Schloß des Thores war gesprengt, und mit lautem Jubelruf schwang Krautsch, der Führer der Schaar eine gewichtige Brechstange um das bloße, von wirrem struppigen Haar umflatterte Haupt, als Wahlerts Riesenstimme, die mit dem kräftigen Wohlklange ihres Organs den leisesten Schall seiner Worte schon über Tausende von gespannten Zuhörern hingesandt, sein dröhnendes »Halt« zwischen die Massen donnerte.
Wie von einem Zauber gebannt blieben sie stehen, und aller Blicke wandten sich der kühnen edlen Gestalt zu, die sich rasch auf die niedere Mauer des dicht an das Schloß stoßenden Obstgartens schwang.
»Zurück, Ihr Männer von Horneck!« rief der Mann, und sein Arm streckte sich aus über die lautlos zu ihm aufschauende Rotte – »zurück! – wollt Ihr Mord und Verwüstung tragen in ein friedliches Haus, und die Kraft die Euch gegeben ward zum ersten Mal, wo Ihr sie fühlt in Eurem Arm, nicht nützen, sondern gleich mit schmachvoller That entweihen? Der Republik bringt Ihr ein freudiges Hoch, und während das Wort über die Lippe klingt, schändet Eure Hand den Namen, den der Lufthauch noch nicht entführt. Heilig sei Euch das Eigenthum – gegen den Arm, der das Schwert wider Euch geführt, nicht wider das Schwert selber braucht Eure Kraft – die Wurzel reißt aus dem Boden, die jene giftigen Schößlinge getrieben, nicht die Schößlinge schneidet ab, denn mit jedem Frühling würden ihr neue entwuchern. Fest zusammen steht wie ein Mann, wie ein Herz, aber macht nicht wahr was Eure Feinde von Euch sagen, daß gerade Ihr es wäret, die unter Republik und Freiheit nur Mord und Plünderung verständen, daß gerade Ihr es wäret, die, blind und taub gegen jedes ruhige Wort, nur dem wie wild gewordenen Stiere folgten, der Euch zu roher gesetzloser That den blutigen Feuerbrand voraus trüge. Macht zu Schanden die Lügen und Verläumdungen, die jene heimlich bohrende Reaction gegen Euch ersonnen und ausgestreut, daß Ihr nicht reif wäret, ein freies Volk zu sein, nicht reif zu menschlichen Rechten und Gerechtsamen, nicht reif zu selbstständigem Handeln und Regieren – machet die Lügen zu Schanden, Ihr bedürftet einer strengen starken Hand, die Euch den Zügel fest und eisern im Gebiß erhielte, wenn Ihr nicht, wie das ungebändigte Roß, toll und rücksichtslos über die Felder toben und Saat und Erndte in den Boden hineinstampfen und verwüsten solltet.«
»Zeigt, daß Ihr wirkliche Republikaner seid – stellt jenen schmähenden Lügenzungen den kalten besonnenen Mannes-Ernst und Stolz entgegen, aber weicht auch zurück vor einer That, die Euern Namen mit Schmach bedecken und Euere Feinde triumphiren lassen würde – gönnt ihnen die Freude nicht, Euch schwach gesehen zu haben, gebt ihnen nicht die Waffen gegen Euch selbst, durch solche That in die Hände. Verachtung dem, der Euch bisher in starrem Joch gehalten – Verachtung dem, der bisher sich nicht entblödete, der Henkersknecht eines schurkischen Systems zu sein, das nur, wie ein künstliches Maschinenwerk, die Kraft des Einzelnen nicht aufkommen ließ, und ihn, hob er sich dennoch, unter die tausend geschäftigen, wirbelnden, schwirrenden Räder warf – aber dorthin die Stirn gerichtet, dorthin die Lanzen eingelegt, dorthin den Geist und Arm gestählt zu freiem Wort und freierer That, wo die Hand ruht, die bis jetzt den Mechanismus dieser furchtbaren Räder gelenkt – gegen die Wurzel den Streich geführt, und kommt dann die Zeit, wo Deutschland Eueres Armes bedarf, dann Freunde, dann Brüder heran zum fröhlichen Siegeslied, zum schönen Waffentanz, und gebe dann Gott, daß er mir erlaubt, Euch, Mitbürger unseres schönen herrlichen Vaterlandes, das schwarz-roth-goldene Banner in luftigem Windeswehen und vom scharfen Stahl geschützt, voran zu tragen.«
»Zu Hause jetzt mit Euch, ihr Leute, zu Hause, und bald, bald hoff' ich, grüßen wir uns wieder im freien einigen Reich.«
Ein laut donnernder stürmischer Beifallsruf folgte den Worten des Redners, und zu ihm hin drängte die Menge nach der Mauer hinüber, dem aber wollte er entgehen. Rasch sprang er hier herunter und wollte unbemerkt an den Gartenmauern und Häusern in das Dorf hinein schlüpfen, um von da aus die große, nach der Residenz führende Hauptstraße zu erreichen, als ein kleiner Bursche seinen Arm ergriff und ihm zuwinkte, seitab durch die Obstbäume, die den schmalen Weg begrenzten, zu folgen. Da die Richtung ungefähr die rechte war, säumte er auch nicht, und befand sich bald auf einem Fußweg, der ihn durch eine hier an das Dorf stoßende kleine Lichtung nach wenigen hundert Schritten schon auf die weiß in die Dunkelheit hinein schimmernde Chaussee brachte.