Dort an einem Kirschbaum stand ein ungesatteltes Pferd angebunden, weiter aber war Niemand zu sehen, und der kleine Junge sagte lachend:

»So – nu setzt üch uff, un immer grad naus, un denn kennt är nich fählen.«

»Aber wem ist das Pferd?« frug Wahlert erstaunt.

»S'is vun der Herrschaft,« kicherte der Kleine, »aber das macht nischt; wenn er an's Thor kimmt, läßt er'n Rappen widder loofen un vor Morgen is der lange im Stall.«

Es war augenscheinlich eines der Pferde, die ihn seinem Kerker hatten entgegenführen sollen, und jetzt stand es hier, bestimmt, ihn zu Freiheit und Ehre zu tragen – der Wechsel schien überraschend und Wahlert konnte, besonders nach der letzten Versicherung des Knaben, daß das Pferd seinem Eigenthümer keinesfalls verloren gehen würde, der Versuchung nicht widerstehen. Als ein gewandter Reiter schwang er sich rasch auf des geduldigen Thieres Rücken, dem Knaben ein kleines Geldstück zuwerfend, drückte er seinem Gaul die Schenkel in die Flanken, und fort klapperten in luftiger Schnelle über die harte stubengleiche Chaussee die Hufe des munteren Renners, als er den kühnen nächtlichen Reiter seinem Ziele entgegentrug.

In Horneck verlief sich indessen die Menge nicht sogleich, als es nach dem ersten Eindruck der Rede wohl den Anschein hatte; die Gemüther waren zu erregt, um sobald in das alte Bett ruhigen Gleichmuths zurückzukehren; aber der unbändige Zorn, der ihren Geist noch vor wenigen Minuten zu wilder, gefährlicher That getrieben, war beschworen – der Ruf an ihr Ehrgefühl hatte seine segensreiche Wirkung nicht verfehlt. Aber Luft mußte die Stimmung haben, Luft auf eine oder die andere Art – war's nicht im Bösen, so doch im Guten, und Krautsch selbst, dem der starke Trank jetzt mehr und mehr den Sinn verwirrte, brachte das erste gemüthliche Lebehoch auf Herrn von Gaulitz aus.

Einmal im Zug und die Bahn schien leicht gefunden – an demselben Abend bekamen noch – zu seinem nicht geringen Schrecken – der Pastor, der Schulze, der Wirth und die mißhandelten Flurschützen, die man in ihre Wohnungen geschafft hatte, jeder eine unbestimmte Anzahl von Vivats, ja selbst auf die Jäger hätte sich dieses Wohlwollen ausgedehnt; das Haus derselben lag aber leider am anderen Ufer der Rausche und der Fluß selbst zu weit von der Schenke ab, nach der sich die jetzt vollkommen harmlose Schaar in später Nachtstunde noch zurückzog, dort einen sogenannten »Schlaftrunk« nahm, und dann, höchst zufrieden mit dem genossenen Abend, die eigene Heimath – so gut das eben ging – aufsuchte.

Siebentes Kapitel.
Wie es in Horneck aussah.

Acht Monate waren seit den, im letzten Kapitel berührten Umständen verflossen; in Deutschland hatte es in loderndem Freiheitsmuth gekocht und gegährt, und an allen Orten und Enden waren die züngelnden Flammen vorgebrochen. An allen Orten und Enden standen aber jetzt auch die Fürsten wieder bereit, die für das ganze so morsche, und doch noch nicht zusammengebrochene Staatsgebäude schon kaum mehr gefährliche Feuersbrunst, wo sie sich nur zeigen würde, mit vollen kältenden Wasserfluthen zu empfangen und zu unterdrücken. – Die Gluth, welche, auf einen Punkt concentrirt eine Welt hätte zusammenschmettern müssen, knisterte und knatterte jetzt in nutzlosen Sprühteufeln und Raketen zwischen den Füßen der lächelnd zuschauenden Potentaten herum und die Revolution lag, wie ein verwundeter Leu – furchtbar noch in ihrem Tod und der Erinnerung an die Kraft, die einst diesen jetzt machtlosen Körper belebt, mit ausquellenden Adern sterbend am Boden.

Sterbend? – und tagte nicht noch in Frankfurt am Main das deutsche Parlament? – saßen nicht dort noch die Männer des Volks, die eben aus der Revolution hervorgegangenen Vertreter des deutschen Vaterlandes zusammen, und schmiedeten sie nicht noch rüstig fort an den künftigen deutschen Rechten eines einigen Reiches?