Ja, die Vertreter des Volkes saßen noch zusammen, und der Sturm und Kanonendonner von Wien, und die tausend und tausend blinkenden Bayonette Berlins waren nicht im Stande gewesen einen direkten Einfluß auf den ruhigen Geist einer Versammlung zu üben, die den besten Saft und Mark von Deutschlands treusten Herzen in sich schloß, wo aber war das Volk selber, das einige deutsche Volk, das seine Gesandten nach der alten Reichsstadt geschickt hatte und aus ihren Händen ihr künftiges Heil erwartete? Von ehrgeizigen tollen Hitzköpfen an allen Orten erregt und aufgewühlt, riß es auf der einen Seite nieder, während auf der anderen gebaut wurde. Gewissenlose Menschen, meist in Verhältnissen lebend, in denen sie, bei einem Umsturz alles Bestehenden, nie etwas verlieren und immer nur gewinnen konnten; herumziehende politische Comödianten, die von Stadt zu Stadt reisten und in Volksversammlungen – und Gott weiß es, was Alles unter Volksversammlungen verstanden wird – die Jugend mit ihren tausend und tausendmal wiederholten und wiedergekäuten Phrasen aufreizten, Subjekte, die »im Großen nichts verrichten konnten und es nun im Kleinen anfingen,« machten die so heiß von Deutschland ersehnte und endlich so herrlich realisirte Hoffnung des deutschen Parlamentes zum Kinderspott. Kaum sahen sie ihre aus der Majorität der Wähler hervorgegangenen Gesandten eingesetzt, als sie in machtlosem Ingrimm, nicht selber mit da oben tagen zu können, an dem Gebäude zu rütteln anfingen, das erst eben errichtet worden. Anstatt jetzt wie ein Mann zusammenzustehn und den Beschluß der Männer, die das Wohl des Vaterlandes nach besten Kräften berathen sollten, mit ihren eigenen Leibern zu schützen, wenn etwa die Reaction sich gegen die, schon durch diese Wahl bewiesene Souverainetät des Volkes auflehnen sollte, damit die Vertreter der Nation auch Vertrauen faßten zur deutschen Stärke und Einigkeit, wiegelten sie die rohe ungebildete Masse gegen sie auf, verdächtigten ihre Beschlüsse, oft noch ehe sie ausgesprochen worden, reizten zu Mistrauensadressen, die von Leuten mit unterschrieben wurden, denen es bis jetzt noch nicht einmal klar geworden, was eigentlich die Männer in Frankfurt sollten, riefen, das Werk überstürzend, die Gleichgesinnten zu einem neuen Parlamente auf, säten also Haß und Unfrieden und verlangten Heil und Segen davon zu erndten.

War es den in ihren Grundvesten schon erschütterten Thronen da zu verdenken, daß sie, in der Uneinigkeit der Völker die eigene Macht wieder zu befestigen suchten? und wurden ihnen nicht gerade von den blind und wahnsinnig sich überstürzenden Demokraten die schon fast verlorenen Zügel selber, ja ohne nöthigen Versuch einer Reaction, wieder in die Hand gedrückt?

Die wenigen ehrgeizigen gewissenlosen oder auch blinden Menschen, die entweder nicht sehen wollten, daß Deutschland noch nicht reif zur Selbstregierung sei, und daß es an intellektuellen Kräften fehle, das Ruder einer Republik fest und sicher durch den Sturm der bewegten Zeiten zu führen, oder die selbst verblendet genug waren, sich für fähig zu halten, das siegestrunkene, aber unselbstständige Staatsschiff zu leiten, oder die endlich, welche wirklich mit treuem und ehrlichem Herzen für eine große deutsche Republik geschwärmt, und in all ihrem Dichten und Träumen nur nicht bedacht hatten, daß man zu einer Republik auch Republikaner bedürfe, reizten das Volk, das unter Selbstregierung nur Freiheit von Steuern und Gesetzen verstand, zu wilden und durch Worte nicht mehr zu bändigenden Schritten an. In Versammlungen, wo die gewöhnlichen und alltäglichen Phrasen ihnen nicht schmeichelten, sie nicht freie und zu jeder Regierungsform reife Menschen nannten, wurde jedes parlamentarische Gesetz mit Füßen getreten, die Freiheit der Wahlen selbst durch Terrorismus beschränkt, den Abgeordneten der Ständekammern, die frech genug waren nach eigenem besten Gewissen handeln zu wollen, mit allem gedroht, was nur versprach, eine Wirkung auf etwas zaghafte Gemüther auszuüben. Kurz ein so verworrener Zustand trat ein, daß selbst ein großer Theil der früheren Freiheitsschwärmer, wenigstens alle die, welche nur etwas kälteres Blut besaßen, zurückschraken, wenn sie bedachten, daß sie mit diesen Horden einen Weg gehen sollten, und die ungeheuere Zahl der ruhigen Bürger, die bis dahin einem Fortschritt keineswegs abgeneigt gewesen, und sicherlich für eine höchst liberale Vertretung ihrer selbst gestimmt hätten, plötzlich in Todesangst gerade zum Extrem übergingen, um jetzt, da sie glaubten, daß es noch eine Wahl für sie gäbe, lieber den alten, wenn auch faulen Zustand zurückzuführen wünschten, ehe sie solche Menschen an der Spitze einer nicht Regierung, sondern Zerrüttung Deutschlands sähen.

Berlin war in Belagerungszustand erklärt und die Nationalversammlung aufgelöst worden; vom Stephansthurm zu Wien flatterte die schwarzgelbe Fahne und Fürst Windisch-Grätz durfte es wagen, sogar ein Mitglied der für unverletzlich erklärten Nationalversammlung Frankfurt's hinzurichten – bedarf es eines weiteren Commentars, um den Zustand Deutschlands zu schildern?

»Die Reaction hat für den Augenblick gesiegt und der neue Frühling muß uns auch eine neue, aber blutigere Siegespalme bringen« riefen zähneknirschend die Democraten, oder die, die sich Democraten nannten – denn der Name ist leider Gottes in letzter Zeit wahrhaft gemishandelt worden. –

»Der Anarchie sind die Hände gebunden,« schmunzelten auf der anderen Seite die platt gesichtigen schwänzelnden Hofmenschen, die Speichellecker der Fürsten und sogenannten Großen – »ein gesetzlicher Zustand ist zurückgekehrt« – und Adressen reichten sie ein an die Generäle, die das Machtschwert in den Händen hielten, den Belagerungszustand nur noch ja und um Gotteswillen ein wenig zu verlängern, oder wenn es anginge, viel zu verlängern – vielleicht – o süßer Gedanke – ihn ganz fortbestehen zu lassen – o wie wohl sich dieses knechtische Geschmeiß unter dem Schutze der Kanonen fühlte.

Und der jungen Freiheit wurden indessen die Flügel beschnitten, Presse und Vereinsrecht beschränkt und die wenigen Errungenschaften des Frühlings verkümmert und gekürzt; das Volk aber wüthete indessen gegen sich selbst und brach seine Kraft in unnützem schimpflichen Streit und Unfrieden.

So stand es in Deutschland – aber auch in Horneck, der kleinen, in mancher Hinsicht für sich abgeschlossenen Welt, hatte sich Vieles verändert. »Was seine äußere politische Gestaltung nämlich betraf, so war auch Horneck,« wie der Pastor nämlich mit wohlwollendem Lächeln meinte, »in höchst merkwürdiger Weise mit der Zeit fortgeschritten,« und diese »würdige Weise« bestand denn auch allerdings in einer »Errungenschaft« – die sie aber gern schon wieder los gewesen wären und diversen anderen »Versprochenschaften«, nach einem neueren, durch die Zeit gebornen Ausdruck.

Die Errungenschaft war der Communalgardendienst, denn nach den verschiedenen tumultuarischen Auftritten vor dem Schlosse, ja besonders der gewaltsamen Befreiung des Gefangenen wegen, hatte Herr von Gaulitz der Gemeinde angezeigt, daß er, »zum Schutz des Eigenthums« Militair requiriren werde. Dagegen war aber Doctor Levi mit aller Kraft seiner lispelnden Beredtsamkeit aufgetreten – der Schrei »Volksbewaffnung« ging damals durch das Land, und »Volksbewaffnung« mußte auch den Bewohnern von Horneck werden – es war das ein Recht, was sie zu fodern, keine Gunst, die sie zu erbitten hatten, und Militair – verweigerte das Dorf.

Die Rede gefiel den Bauern ungemein, denen an der Einquartierung aus mehr als einem Grunde gar nichts gelegen war, sie foderten Volksbewaffnung und erhielten sie mit der Vorausbedingung, »daß sie dann auch für die Ruhe des Ortes haften müßten«, was, wie die Bauern meinten, sich von selbst verstände.