Doctor Levi meinte aber gerade das Gegentheil, für die Ruhe eines Ortes könne keine Gemeinde haften, denn man wisse gar nicht, was jeder Tag für neue Ereignisse gebären möge, die gerade Unruhe im wahren Sinne des Wortes verlangten, und da sei ein solch' gegebenes Versprechen nachher etwas sehr Unpolitisches. So schön er aber auch diese seine Ansicht motivirte, so blieb er doch damit in einer höchst bedeutenden Minorität und die Bürgerwehr wurde in Horneck, dem Grundsatze nach, daß alle Bürger im Staate einander gleich, also auch gleich berechtigt seien zum Besten und Schutz ihres Vaterlandes Waffen zu tragen, organisirt. Um übrigens wahrscheinlich den Grundsatz der Gleichheit besser ausführen zu können, theilte sich die kleine Gemeinde, die ohnedies kaum eine ordentliche und vollzählige Compagnie stellen konnte, in zwei, weil die Bauern und Häusler (solche, die kein Bauerngut haben, sondern nur, gewöhnlich vom Gut gepachtet, ein Haus bewohnen) doch unmöglich Seite an Seite in Reih und Glied stehen konnten. Es machte sich dabei wie zufällig, daß die Bauern, die »mit vieren fuhren«, den ersten, die hingegen, die nur mit zwei Pferden fahren konnten, den zweiten Zug bildeten, die Offiziersstellen bekamen natürlich solche anvertraut, die, wenn sie das Commando auch noch nicht verstanden, doch angesehene Leute im Dorfe waren, und ihrer Compagnie keine Schande machten. Sie hätten wohl einen unter sich gehabt, der sich zum Hauptmann ganz vortrefflich geeignet hätte, es war das ein alter gedienter Soldat, der die Feldzüge von Dreizehn als Corporal mitgemacht, und das Commando aus dem Grunde verstand, das war aber leider ein ganz armer Schlucker, der keine Hufe Landes besaß, und deshalb mußte allerdings von ihm abgesehen werden.

Doctor Levi hatte übrigens später Horneck verlassen, um dem Demokratencongreß in Berlin beizuwohnen, war aber vorher noch nach Wien gegangen, und dort im Belagerungszustand verschollen, wenigstens drang keine Kunde von ihm nach Horneck.

Den Verlust hätten die Hornecker nun allerdings verschmerzen können, ein weit schmerzlicherer stand ihnen aber in der Versetzung ihres Diaconus bevor, dem Pastor Scheidler, aus »Wohlwollen für den Diaconus«, wie er selber sagte, eigentlich aber wohl aus einem anderen Grunde, eine kleine Pfarre in einem ganz abgelegenen Winkel des Rauschenthales verschafft hatte. Der Diaconus war nämlich, um die Sache gleich beim rechten Ende anzufassen, für die Bauern in Horneck ein klein bischen zu gescheut, und – denn das allein wäre kein Fehler gewesen, wenn er es nur gut zu benutzen verstand – als Hauptmißgriff zu offen mit den Leuten. »Denken Sie sich nur, Herr von Gaulitz,« hatte der durch solche Unvorsichtigkeit auf's Höchste bestürzte Geistliche einst zum Gutsbesitzer gesagt, »der Mensch (er meinte den Diaconus) kommt neulich mit einigen Bauern zusammen, die fragen ihn, nach ihrer albernen Weise ›auf's Gewissen‹, was es mit der Trennung der Schule von der Kirche für eine Bewandtniß habe, und ob es wahr sei, daß die Kinder dann gar keinen Religionsunterricht mehr kriegten und »so« aufwüchsen, und der Leichtsinnige redet ihnen das nicht allein gänzlich aus, sondern vertheidigt auch noch die Trennung – ja was sage ich Trennung – das Auseinanderreißen der beiden so innig verbundenen Institute – ja Herr von Gaulitz, versichert den holzköpfigen Bauern gar, daß ihre Kinder dann eine bessere Erziehung bekommen würden, weil der Mann, der sie lehrte, frei seinem eigenen Plane folgen könne, von den Kindern, wenn er sich Achtung und Liebe zu verschaffen wüßte, auch wirklich geachtet und geliebt würde, und nicht der untergeordnete Diener des Geistlichen, wie das jetzt für den ganzen Stand eine wahre Schmach gewesen, mehr sei. – Der Mensch ist wahnsinnig, denn er wüthet gegen das eigene Fleisch und Blut.«

Der Herr von Gaulitz lächelte jedoch damals und erwiederte nur ruhig:

»Mein lieber Pastor, derlei Sachen kennen wir besser; der Diaconus ist jetzt noch ein sehr freisinniger, vielleicht ein für seinen Stand etwas zu freisinniger Mann, aber das giebt sich, Herr Pastor, das giebt sich – nur ein halbes Jahr Pastor und die Saiten haben einen ganz anderen Klang.«

Nach diesem Vorfalle versteht es sich übrigens von selbst, daß der Pastor Scheidler aus allen Kräften dahin wirkte, den Diaconus, der ihm auch die Zeitungen viel zu radical, ja nach seiner Meinung sich selbst zum Republikanismus hinneigend, auslegte, aus Horneck fortzubringen. Die geheimen Conduitenlisten, die er mehr als regelmäßig an das hohe Consistorium einsandte, gaben ihm dazu die beste Gelegenheit. In der aufgeregten Zeit, wo gerade das hohe Consistorium überhaupt, von jeder Seite her den ersten Schlag erwartete, und fortwährend auf dem Sprunge stand, sich in seine ursprünglichen Bestandtheile aufzulösen, gehörte eben auch nur ein Wink, eine Andeutung dazu, um dessen guten Willen und Hülfe im höchsten Grade zu erwerben, und der Diaconus fand sich bald, allerdings als selbstständiger Pfarrer, aber auf einem so ärmlichen, traurigen Winkelchen der Erde, daß es selbst seinen, gewiß bescheidenen Erwartungen nicht entsprach und er einer geraumen Zeit bedurfte, sich nur nothdürftig daran zu gewöhnen.

Eine andere in Horneck vorgefallene Aenderung aber, eine höchst traurige, hatte in der Schule selbst stattgefunden, und zwar nicht für die Schule, sondern für den armen, in ihrem Dienst ergrauten Lehrer derselben, den alten Papa Kleinholz. Der Geist hätte in dem alten Manne vielleicht noch mit den unbedeutenden Beschäftigungen, die ihm oblagen, wie Buchstabiren und Lesen Schritt gehalten, aber der Körper, durch Mangel und Noth geschwächt, von den dürftigen Kleidern nicht einmal warm gehalten, und in der dunstigen Schulstube, die ihm zum steten Aufenthalte dienen mußte, endlich ganz untergraben, hielt nicht mehr aus.

Er wurde bettlägerig und so krank, daß durch die stete Transpiration des Leidenden der Aufenthalt unten in der Schulstube selbst für die Kinder unangenehm, ja sogar schädlich werden mußte, und Hennig sah endlich kein anderes Mittel, als daß er selbst dem alten Manne sein kleines Dachkämmerchen einräumte und hinunter in die dunstige Schulstube zog. Zwar erholte sich Papa Kleinholz, wohl am meisten durch Lieschens aufopfernde und unermüdliche Sorgfalt und Pflege, nach einiger Zeit in etwas, so daß sein Zustand wenigstens nicht mehr als lebensgefährlich gelten konnte, aber an Schulehalten war nicht zu denken – der böse Husten ließ ihn keine zehn Worte hinter einander sprechen; anstrengen oder ärgern durfte er sich nun gar nicht – und Schulmeister sein und sich nicht ärgern, zwei unmöglich von einander zu trennende Sachen!

Eine Weile ließ das der Pastor geschehen, und Hennig nahm sich mit so warmem Eifer der Schule an, daß die Eltern nicht über Vernachlässigung ihrer Kinder klagen durften, da die Arbeiten jetzt ganz auf eines Lehrers Schultern ruhten, wo früher, wenn auch nur dem Namen nach, zwei gewaltet und gelehrt hatten; nach einem halben Jahre aber durfte der Geistliche, wie er meinte, dem hohen Consistorium nicht länger verheimlichen, daß Vater Kleinholz unfähig geworden sei, dem schweren Amt eines Schullehrers mit Erfolg vorzustehen, und deshalb – o wie dem alten armen Lehrer das Herz zuckte, als er das so lange gefürchtete Schreckenswort ausgesprochen hörte – emeritirt werden müßte. – Emeritirt, mit einem Dritttheil seines Gehalts und – sieben Kindern – acht Personen, unter denen sieben kräftig und gesund waren, und Tag für Tag ihre richtigen Portionen Essen verlangten, wenn sie eben nicht geradezu hungern sollten, von fünfzig Thalern jährlich zu ernähren – der Gedanke kam ihm furchtbar vor, und er barg das bleiche Haupt in den spärlichen Kissen, und schluchzte wie ein kleines unglückseliges Kind.

»Das also ist Dein Lohn, Du armer alter Mann – seit sieben und vierzig Jahren hast Du Dich nach besten Kräften und Gewissen für die Kinder abgearbeitet und gemüht – bist Du nicht im Stande gewesen, das zu leisten, was man von einem Manne, der die Jugend zu wackeren selbstbewußten Staatsbürgern heranziehen sollte, vielleicht berechtigt sein durfte zu erwarten, so kann nicht Dir die Schuld dafür beigemessen werden, sondern denen, in deren Interesse es in früherer Zeit gelegen, das Volk in Unwissenheit und Knechtschaft aufwachsen zu lassen, Du thatest Dein Möglichstes, Du hast Dir Nichts, Nichts auf der weiten Gotteswelt vorzuwerfen, Du hast Kummer und Noth die langen langen Jahre hindurch, immer wachsend mit jedem neugeborenen Kind, und zu größter Höhe anschwellend bei der Mutter Tod, ohne Murren, ohne ein einziges hartes beschuldigendes Wort gegen die, welche den Gehalt der Lehrer unter den eines Ackerknechtes stellten, ertragen und nur jetzt, jetzt, da Deinem bleichen vom Kummer durchfurchteten Antlitz auch noch die scharfe Dornenkrone des letzten Entsetzlichen in die Stirn gedrückt wird, da bricht Dir der Schmerz das arme gequälte und zum Zerspringen volle Herz und Du klagst nicht das Schicksal – nicht die Tyrannei der Menschen an, nein Du beklagst nur Dein und der Deinen Loos und bist unsäglich elend.«