Hennig, der in des alten Mannes Stelle eingetreten war, that allerdings was nur in seinen Kräften stand, um dessen Lage zu erleichtern, ja überließ sogar dem alten Manne einen großen Theil dessen, was er selbst mehr bekam, so wenig das auch immer sein mußte; er selbst hatte jetzt aber auch mehr Auslagen, denn seine Kleider, die bis dahin ausgereicht, wurden alt, und er mußte sich neue schaffen, da ihm der Pastor schon mehr als einmal zu verstehen gegeben hatte, der Bauer halte etwas darauf, daß sein Schulmeister einen anständigen Rock trage und seinem Dorf keine Schande mache. Allerdings erwiederte er darauf, »wenn der Bauer das will, weshalb giebt er denn auch nicht dem, der seine Kinder zu ordentlichen rechtlichen Menschen heranbilden soll, so viel, daß es ihm möglich ist, den Magen auch nur einen Tag über dem Rücken zu vergessen?« Er änderte damit aber Nichts, und da ihm selber daran lag, nicht gerade abgerissen in der Pfarre zu erscheinen, mußte er endlich wohl in den saueren Apfel beißen, und sich in die für seine Casse erschöpfende Auslage fügen. Nichts destoweniger ließ er den alten greisen Schullehrer nicht hungern, das Verhältniß zwischen ihnen bestand nach wie vor, und wären die theuren Medicinen nicht gewesen, so hätte Hennig der wirklich Sohnesstelle am kranken Kleinholz vertrat, diesen selbst durch die schwere Winterszeit glücklich durchgeschleppt, so aber reichten selbst die vereinigten Kräfte Beider nicht aus – des alten Mannes karges Stückchen Gnadenbrod war schon auf ein Vierteljahr vorher verzehrt, selbst Hennig einige Thaler in Schulden hineingerathen, und der emeritirte Lehrer sah sich endlich, so ungern er das auch that, dazu gezwungen, um eine Unterstützung, d. h. um eine Erhöhung seiner sogenannten Pension einzukommen, wenn er nicht in Noth und Elend vergehen wollte.
Er baute dabei seine feste unerschütterte Hoffnung auf den »Herrn Pastor Scheidler« – der hatte ihn ja früher oft und oft versichert, er werde wenn er, der Schulmeister, später einmal nicht mehr so recht fort könne, schon Alles thun was in seinen, des Herrn Pastors Scheidler, Kräften läge, ihn zu unterstützen, und die Zeit war jetzt wirklich und in vollem Maaße gekommen. Er konnte nicht allein nicht mehr recht fort, sondern lag sogar ganz und gar, und gab es jemals eine Periode, wo er der Unterstützung von Seiten des Geistlichen bedurfte, so schien das die jetzige.
Er reichte deshalb sein Bittgesuch bei diesem ein, kroch selber, mehr als er ging, auf die Pfarre hinüber, um die Bevorwortung desselben dem Herrn Pastor noch einmal recht dringend an's Herz zu legen, und sank an dem Abend, zwar erschöpfter als je, aber auch nicht wenig beruhigt von dem gütigen Empfang und Wort seines Vorgesetzten, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit fast freudiger Hoffnung auf sein Lager nieder.
Was Hennig selbst betraf, so hatte er sich, besonders in letzterer Zeit ungemein eifrig mit der neuen Gestaltung der Schule beschäftigt, und Lieschen, die doch recht gut wußte, wie er Pastors Sophiechen so recht aus innerster Seele liebe, konnte sich gar nicht genug darüber wundern, daß der Schulmeister, wie Hennig jetzt, als in diese Würde eingetreten, schlichtweg hieß, nur allem Anschein nach darauf los arbeitete, sich den Vater seiner Liebsten zum ingrimmigsten Feind zu machen. Das war, das allerwenigste gesagt, nicht im mindesten politisch von ihm, und er hätte das seiner Liebsten schon nicht zu Leide thun dürfen.
In der That hatte Lieschen, von ihrem Standpunkt aus, vollkommen recht und Hennig selber fühlte, wie er sich dadurch ein späteres Hinderniß mit eigenen Händen aufbaue, ein anderes, weit gewaltigeres mußte aber erst hinweggeräumt werden, und dann hoffte er auch dieses, als das viel unbedeutendere mit fröhlichem Herzen zu beseitigen. Wie die Verhältnisse jetzt nämlich standen, blieb es sich, in Bezug auf seine Aussicht, Pastors liebliches Töchterlein je als sein liebes Weib nicht in diese Schulwohnung, aber doch wohl in eine bessere Stellung einzuführen, ganz gleich, ob ihm der Vater gewogen war oder nicht, denn an eine Verbindung seiner Tochter mit nur einem Schulmeister dachte dieser so wenig wie das Mädchen wahrscheinlich selbst, das, wenn es den jungen Mann auch wirklich gern sah, doch viel zu genau die ärmlichen, drückenden, abhängigen Verhältnisse kannte, in denen ein deutscher Schullehrer zu leben gezwungen sei, um irgend eine Neigung zu spüren, eine solche Existenz je mit ihm zu theilen. Ja, Hennig hätte ihr das, wäre sie selbst dazu geneigt gewesen, nicht einmal zumuthen, es nicht einmal dulden mögen, und seinem schönen Ziel, der Schule eine unabhängige Gestalt zu gewinnen und den Lehrerstand zu heben, lag jetzt noch ein neuer, ihn zu voller Aufopferung treibender Beweggrund unter, da er mit diesem auch vielleicht die Hoffnung seines eigenen Herzens erreichen konnte. Stand er erst einmal als unabhängiger Lehrer, mit liberalem und zum Leben genügenden Gehalt nicht mehr unter, sondern neben dem Geistlichen, – war ihm die Jungfrau selber dann nur nicht abgeneigt – (und grüßte sie ihn nicht gerade immer so freundlich wie keinen weiter im ganzen Orte?), so vergaß der Pastor auch bald den Unwillen, den er jetzt nur über das Streben des Lehrers fühlte, und sicherlich nicht auf das Errungene ausgedehnt hätte.
Daß Sophie einen Fremden, ja gar den Flüchtling liebe, aus dessen Händen er sie einst selber befreit, konnte er dabei natürlich nicht ahnen, still und unberührt stand der Stern noch für ihn am Himmel seines Glücks, und jeder Abend, der ihn träumend auf seinem Lager fand, schloß ihm die müden Lider mit dem leisen, hoffenden Gebet – Sophie!
Achtes Kapitel.
Das Geständniß.
Nöthig möchte es jetzt sein, einen, wenn auch nur flüchtigen Blick auf das Leben Wahlerts, den wir zuletzt bei seiner glücklichen Flucht aus den Händen des Gerichts gesehen, zu werfen.
Marie hatte ganz recht gehabt, als sie ihn damals in der Stunde der Befreiung zugerufen, »nur an einem Kopf zu klugen Rathschlägen, fehle es in der Residenz, nur an einem Arm, das Banner der Freiheit voran, in die Reihen der Feinde zu tragen« – seiner Ankunft, seines donnernden Wortes hatte es nur bedurft und das Volk, das schon von außen angeregt, und in Gährung gehalten war, brach aus in einem gewaltigen und deshalb fürchterlichen, weil fester geregelten Sturm. Das Ministerium fiel und Männer des Volks wurden jauchzend auf dessen Schultern zu dem erledigten Ehrenposten getragen.
Wahlert besonders hatte man vor Allen im Auge, die Stellung eines Ministerpräsidenten auszufüllen, dieser aber weigerte sich das Amt, das ihn in seiner schwierigen Verantwortung an den einzigen Ort fesseln und seine ganze Thätigkeit auf dieß eine kleine Land concentriren würde, anzunehmen. Wohl war er von schönster Hoffnung für ein einiges freies Vaterland beseelt, wohl hielt er seine Landsleute für eben so reif und tüchtig wie Frankreichs heißblütigeres Volk, im jetzt zusammenberufenen deutschen Parlament die Souverainetät derer zu erklären, die man bis dahin gewagt hatte, Unterthanen zu nennen, und die – das viel schlimmere, es wirklich gewesen waren, aber dennoch konnte er sich nicht verhehlen, daß der bei weitem größte Theil der Anregung noch zu sehr und unausgesetzt bedürfe, während wiederum eine kleine Schaar, wie ein paar rennlustige Pferde, das Zeichen zum Auslauf gar nicht erwarten konnten und nur in einem fort Zaum und Halter zersprengten, Seil und Markpfahl niederwarfen, und an Mähne und Nüstern zurückgehalten werden wollten, um nur nicht in ihrem blinden unverständigen Eifer da zu verderben, wo sie zu nützen, da einzustürzen, wo sie zu bauen suchten.