Kaum sah er also die Dinge in der Residenz wieder einen geordneten ruhigen Gang gehn – denn Frieden mußte im Reiche herrschen, bis die Nationalversammlung in Frankfurt das Wort gesprochen, das die Throne stürzen und die acht und dreißig Scepter mit einem Schlage zerbrechen sollte – so zog er auf seinen fröhlichen Pilgerflug durch das Land aus, nicht um die Einheit des deutschen Volkes zu befördern, denn dessen bedurfte es nicht mehr – es fühlten Alle, daß nur in Einigkeit ihre Kraft lag, – sondern immer mehr zu befestigen und mit jener heiligen Liebe für das Vaterland zu beseligen, die sie freudig für dieses selbst das eigene Leben opfern ließe.

Eine Zeitlang hörte man Nichts mehr von ihm in Horneck, einmal hieß es nur, er sei in Wien gewesen, habe dort auf den Barrikaden der äußeren Vorstädte gegen die schwärmenden Kroatenhaufen gekämpft und wäre dann, als die Truppen in die Stadt eingezogen, mit Lebensgefahr zwar, aber doch glücklich nach Berlin entkommen – das Gerücht hatte wenigstens in der Pfarre – vielleicht nach einem Brief aus der Residenz – seinen Ursprung gefunden. Jetzt waren wieder wohl zwei volle Monate vergangen und der Mann, der damals die stillen Bewohner von Horneck zum ersten Mal ein wenig aus ihrer Lethargie emporgerüttelt hatte, schien vergessen.

Vergessen? – ja, von der großen Menge vielleicht, vor deren Augen Wahlert, wie ein leuchtender Strahl nur einmal vorüber gezuckt und dann verschwunden war, zwei Herzen aber schlugen in Horneck, für die keine Stunde des langen, langsam schwindenden Tages verging, an dem sie nicht still und sehnend seiner gedacht und nicht gebeten hätten, daß Gott sein theures liebes Haupt beschützen möge.

So vollkommen eines jene beiden Wesen aber auch in diesem einen Gefühl, dieser heimlichen, heiligen Liebe für den Fernen sein mochten, so verschieden gestellt waren sie in jeder andern Hinsicht des Lebens, und Sophie, des Pfarrers Töchterlein, hatte noch nie auch nur eine Sylbe gegen Marie, des armen Musikanten Tochter, von dem erwähnt, was sie doch, o wie gern, in das Herz einer wirklichen Freundin ausgeschüttet hätte. Und dennoch war Marie fast täglich in ihres Vaters Hause, wo besonders in letzter Zeit viel für die Kinder zu nähen und arbeiten gewesen, dennoch schien Sophie in jeder anderen Hinsicht volles Vertrauen zu dem armen leidenden Mädchen gefaßt zu haben, und behandelte sie eher wie eine Verwandte als eine Fremde, die eine Lohnarbeit bei ihr gesucht und gefunden. Nur in diesem Punkte blieb ihr Mund gegen das ernste, so wehmüthig schauende Kind verschlossen, denn seit jenem Tag, an welchem eben Marie ihr die Kunde von der drohenden Gefahr des Geliebten gebracht, war es ordentlich, als ob eine ihr selbst unbewußte Scheu sie hindere, auch nur den Namen Wahlerts vor ihr auszusprechen.

Marie, die sich, ihrem äußeren Aussehn nach, etwas wohler zu befinden schien als früher, und auch durch Sophiens Hülfe anständiger gekleidet ging, brach das Schweigen über den Abwesenden eben so wenig; kein Wort kam, selbst jenen Abend betreffend, über ihre Lippen und was die Herzen in ihrer stillen Tiefe auch bergen mochten, der Mund gab dem Gefühle keine Worte.

In den letzten Tagen des November 1848 war es, daß die beiden Mädchen auch einmal wieder zusammensaßen und an einem warmen Rock für Sophiens Mutter nähten, denn das Haidekraut blühte gar so schön und roth draußen, und das kündete strenge Kälte, der man doch wenigstens begegnen mußte; als der Pastor plötzlich mit einem Brief in der Hand in's Zimmer trat, und der Tochter ankündigte, daß er Nachricht von dem jungen Wahlert, dem Sohn des Herrn Generalsuperintendenten erhalten habe – es gehe ihm gut, und er hoffe bald Horneck wieder zu sehn – er bemerkte gleich darauf die Fremde, brach kurz ab, ging zu seiner Tochter hin an's Fenster und verließ mit dieser, die es aber wohl vermied ihr Antlitz Marien zuzuwenden, das Zimmer.

Marie ließ die Hände in den Schooß sinken, saß mehrere Minuten mit todtenbleichen erregten Zügen da, und starrte still und schweigend vor sich nieder.

»Er kehrt nach Horneck zurück!« flüsterte sie endlich leise mit kaum sich bewegenden Lippen – »nach Horneck wo« – sie brach plötzlich ab, barg nach kurzem Sinnen das Antlitz in den Händen und gab sich mit so peinlicher Spannung ihren Gedanken hin, daß man, wie ihr das Herz auch laut und stürmisch schlug, kaum doch ihr Athmen bemerken konnte, hätte nicht das Zittern ihres ganzen Körpers ihr Leben verrathen, die Gestalt selbst mußte einer todten regungslosen Statue gleichen.

Endlich schien es, als ob sie sich gewaltsam zu sammeln suche – sie stand auf, legte ihre Arbeit auf den Stuhl, auf dem sie gesessen, und trat an das Fenster, das auf den stillen Friedhof hinausschaute.

»Weshalb quäle ich mich denn eigentlich immer und immer wieder nur mit meiner eigenen unbegründeten Furcht,« flüsterte sie endlich und strich sich die Hand fest und schnell über die bleiche, marmorkalte Stirn – »Furcht! – und darf ich da auch noch fürchten? ist mir denn überhaupt auch nur eine Hoffnung geblieben? – Er erschrak, als er damals meine Stimme hörte – er verachtet die – Dirne.« – Sie schauderte zusammen, und dicht an die Scheibe gepreßt, daß ihr Hauch das Glas deckte, fuhr sie nach kurzer Pause fort – »Soll ich hier sein Wiederkehren erwarten? – Darf er mich – darf er mich gerade in diesem Hause? – und warum nicht?« sagte sie plötzlich laut, und richtete sich schnell und fast stolz empor – »klang seine Stimme nicht weich und liebend, als er mich mit dem alten traulichen Du anredete, und mich seine arme Marie nannte? – o heiliger Gott, wie gern wäre ich ihm damals an's Herz gesunken und hätte gerufen Franz, Franz, Du hast mir böses schmerzliches Unrecht gethan – unglücklich ist Deine Marie, aber schuldig nie – nie – die Angst um ihn erstickte damals jedes Gefühl für mich selbst – ich weiß nicht einmal mehr, was ich sprach – Sophiens Name –«.