Ihre Hand fuhr krampfhaft nach dem Herzen und ein kurzer schmerzlicher Husten zwang sie, sich niederzusetzen.

Ehe sie sich vollkommen erholte, trat der Pastor wieder ein, und wollte, als er den Husten hörte, das Zimmer wieder verlassen, Marie bezwang sich aber gewaltsam, der geistliche Herr kam näher, ließ sich, ohne das Mädchen, das still ihre Arbeit aufnahm, weiter zu beachten, auf dem Sopha nieder und las die Zeitung.

Von diesem Tage an fühlte sich Marie wieder unwohler wie vorher; als sie Abends ihre ärmliche Heimath erreichte, bekam sie einen leichten Fieberanfall und mußte am nächsten Tage das Bett hüten; der Vater, der in der Woche doch nichts zu thun hatte, und nur Sonntag Abends mit in der Schenke zum Tanze aufspielte, that ihr die kleinen Handreichungen, deren sie etwa bedurfte, kochte das frugale Mahl, eine einfache Kartoffelsuppe, und ließ sie dann mit sich und ihren Gedanken allein, bis er Abends nach zehn Uhr aus der Schenke, wo er so lange bei einem Glase einfachen Bieres gesessen, zurückkehrte.

Drei Tage vergingen so, und im Dorfe wurde es bald bekannt, daß der Doctor Wahlert, derselbe, den die Wilddiebe damals aus der Kutsche gerissen und befreit hatten, und von dem nachher so entsetzlich viel in der Zeitung gestanden, wieder nach Horneck gekommen sei und in der Pfarre wohne. Marie war schon um vieles wohler, ging aber doch noch nicht zu ihrer Arbeit hinauf – der Vater stellte sie mehrmals deshalb zur Rede, sie gab aber ausweichende Antworten, schützte noch peinlichen Kopfschmerz vor und blieb.

So brach der vierte Morgen an – es war der letzte Tag im November und ein Donnerstag; das helle Tagesgestirn schien still und feierlich in das ärmliche Gemach des alten Musikanten, und neben dem Fenster, auf dem einzigen hölzernen Stuhle, der in der Stube stand, saß Marie, und schaute träumend nach den gegenüberliegenden grauen Strohdächern einer langen Reihe alter, halbverfallener Scheunen hinüber, als es plötzlich rasch und lebhaft an die Thüre pochte, und sich diese, selbst vor dem einladenden »Herein«, schnell öffnete.

»Fräulein Scheidler!« rief das Mädchen, überrascht von ihrem Stuhle aufstehend.

»Hab' ich Sie doch beinahe gar nicht gefunden, liebe Marie!« sagte Sophie, freundlich ihre Hand ergreifend, »Wie geht es Ihnen? – Sie sehen viel besser, ordentlich roth und wohl aus – warum haben Sie sich so lange nicht bei uns sehen lassen? Sie waren doch nicht ernstlich krank? – Ach, ich wäre so gern schon früher einmal herüber gekommen, aber – aber wir haben Besuch im Hause, und da giebt es so viel zu thun, so viel zu besorgen, daß man wirklich manchmal gar nicht weiß, wo Einem der Kopf steht.«

»Ich hörte eben, daß sie Besuch hätten,« sagte Marie leise, »und fürchtete eben zu stören, auch –«

»O nicht im Mindesten, gutes Kind,« unterbrach sie rasch und erröthend das liebe Mädchen, »wir – wir werden Ihre Hülfe überdies vielleicht recht bald und ziemlich bedeutend in Anspruch nehmen – ich habe einige recht nothwendige Arbeiten vor.«

»Ich bin wirklich unwohl gewesen,« fuhr Marie, den Antrag zu vermeiden suchend, fort – »so unwohl, daß ich fürchte, kurze Zeit wohl noch der Ruhe pflegen zu müssen, ehe ich es wieder wagen darf, eine bedeutendere Arbeit zu unternehmen.«