»Vater hot' en de letzten Stiebeln noch nich bezahlt.«

Hennig mußte sich Mühe geben ernsthaft zu bleiben, bewies aber auch dem Knaben dadurch gleich um so verständlicher, daß nun sein Vater ebenfalls für den Schuhmacher arbeiten müsse, bis er mit dem, was er leiste, einen gleichen Werth dessen erreicht habe, was für ihn oder seinen Sohn geleistet worden.

Gottlob hatte indessen mehrere Male, zur nicht geringen Belustigung der übrigen Schuljugend, versucht heimlich zu desertiren, fand aber, auf einen Wink des Lehrers, die beiden schmalen Pässe, die zur Stubenthür führten, stets so stark vertheidigt, daß an einen gewaltsamen Durchbruch gar nicht zu denken war. Auf seine Bank zuletzt ganz ernsthaft hingewiesen und jetzt sogar, wenn er gar nicht gehorchen wolle, mit einer Züchtigung bedroht, saß er eine Weile still und verdrossen da, ließ die Unterlippe bis weit auf's Kinn herunter hängen, wischte sich den thränenfeuchten Schmutz auf eine immer bedenklichere Weise im Gesicht herum und presste das »Butterbrod,« dessen papierne Hülle schon lange heruntergefallen, so fest zusammen, daß es weit auseinanderklaffte, und vor Schmerz das inwendig aufgestrichene Pflaumenmuß (der Name Butterbrod war nämlich, obgleich all' die Mußbrödte so genannt wurden, nur eine Schmeichelei) preiszugeben schien. Endlich mußte er aber zu einem Entschluß gekommen sein; er stand auf, sah sich ein paar Mal mit wildem schüchternen Blick im Kreise um, ging dann in einer Art verzweifelten Trotzes auf den, lächelnd zu ihm niederschauenden Lehrer zu, blieb vor ihm stehen, hielt ihm sein Brod entgegen, und sagte weinerlich aber ziemlich laut:

»Hier, Herr Hennig – hier hast De meine Bemme, aber laß mich giahn.«

Armer Gottlob, auch selbst dieser Versuch der Bestechung gelang Dir nicht, Du wurdest fürchterlich ausgelacht und mußtest auf einem kleinen Bänkchen links am Fenster den übrigen Theil der Morgenstunde ruhig und schweigsam mit ausharren.

Wieder mit seinen Fragen wechselnd, kam Hennig jetzt auch auf die Bewegung der Erde um ihre eigene Axe und um die Sonne herum zu sprechen, und darüber waren denn freilich die Begriffe der Knaben noch sehr verworren. Er wollte ihnen das allerdings damit beweisen, daß er anführte, wie ein in einen Reif gestelltes Glas Wasser ebenfalls um den Kopf geschwenkt werden könne, ohne einen einzigen Tropfen Wasser zu verlieren, ein paar der Knaben hatten das aber schon versucht und meinten, sie hätten das Glas mit dem Wasser durch die Fensterscheibe »geschlengert«. Er mußte es ihnen – und hierfür fing sich auch Gottlob an zu interessiren – endlich vormachen, und wie er das bewiesen, frug er den ihm nächst Sitzenden, woher seiner Meinung nach das Drehen der Erde herrühre.

Müller saß mäuschenstill, antwortete keine Sylbe und starrte nur in eifrigem Nachdenken stier vor sich nieder. –

»Nun, Müller, was glaubst Du, ist die Ursache, daß sich die Erde dreht?« frug der Lehrer noch einmal.

»Hahaha,« sagte der endlich – »ich wißt's wohl.«

»Nun heraus mit der Sprache; wenn Du's weißt, brauchst Du Dich doch nicht zu scheuen, es zu sagen? Also was dreht die Erde?«