»Wie viel es nütze,« sagte der Knabe, einer der besten Köpfe in der Klasse – »wenn wir den Ausspruch des Gamaliels, Apostelgeschichte 5, 34-42. ›Menschenwerk vergeht, Gotteswerk besteht‹ zu unseren Grundsätzen nehmen.
a. dann werden wir vielen Zweifeln entgehn.
b. wir werden uns vor so manchen verkehrten Urtheilen bewahren.
c. wir werden unsere Tugend vor vielen Gefahren schützen.«
»Hm – gut – hm – gut geantwortet,« sagte der Herr Superintendent, vielleicht nicht einmal ganz zufrieden, bei dieser Gelegenheit keinen weiteren Anlaß zum Tadel gefunden zu haben. Die übrigen Knaben, die er frug, waren übrigens fast eben so taktfest und er begann jetzt, biblische Sprüche zu examiniren, von denen ihm die Kinder immer gleich aus dem Kopfe die Quellen angeben mußten. Hierin fand er sie ebenfalls wieder nicht besonders geübt, denn Hennig hielt es für nützlicher, seinen Zöglingen den Sinn der Sprüche als den Ort, wo sie in der Bibel standen, einzuprägen, der Herr Superintendent waren aber anderer Meinung, fuhren jetzt die Kreuz und Quer im alten und neuen Testament herum und citirte und tadelte so lange, bis zufällig ein kleiner Bursche aus einer Ecke heraus einen der von dem gestrengen Examinator angegebenen Sprüche nachschlug und augenblicklich triumphirend – natürlich aber in aller Unschuld, verkündete, daß der bezeichnete Spruch nicht da – sondern da und da zu finden wäre.
Die Knaben flüsterten unter einander, der Herr Superintendent aber, der sich nicht wenig ärgerte, hier eine so fatale Blöße gegeben zu haben, und den Eindruck doch gern verwischen wollte, ging rasch auf die biblische Geschichte über, in der er sehr bewandert war, und sogar ohne Buch die Fragen scharfsinnig genug stellen konnte, um selbst den Pastor und Schulmeister, worauf es jetzt besonders angelegt war, in Erstaunen zu setzen. Zu seiner Ueberraschung fand er die Kinder jedoch darin viel fester als er erwartet, und bekam ganz gute Antworten. Das böse Geschick trieb ihn jedoch, mit unerbittlicher Strenge gerade auf einen Punkt hin, an dem er scheitern mußte – ein unglücklicher Zufall brachte ihm die Familie Noah auf die Lippen und kaum war die Frage heraus, wer Japhets Vater gewesen, als die ganze Classe in ein unwiderstehlich schallendes Gelächter ausbrach.
Der Herr Superintendent stand erstaunt und schoß dabei einen so strengen, Unheil kündenden Seitenblick auf den Lehrer dieser Schule, daß Hennig, wäre er von anderem Stoff als er gerade war, gewesen, jedenfalls hätte in die Erde sinken müssen, so aber biß er selbst, das Komische des ganzen Auftritts mehr, als irgend einen bedeutungsvollen Ernst fühlend, die Lippen zusammen und sah still vor sich nieder.
Der Pastor glich einer Statue stummen Entsetzens, und stand da, wie wenn der Himmel sich jetzt wirklich unmittelbar genöthigt sehen würde, auf sie alle herunterzukommen, und mit Mann und Maus in der Schulstube zusammen zu quetschen und zu begraben.
»Herr Hennig,« brach sich da endlich der bis jetzt nur allem Anschein nach, durch seine Ueberraschung zurückgehaltene Zorn und Unwille des frommen Herrn die Bahn, und damit auch eine Pause, in der selbst die ausgelassensten der Schuljugend das fürchterliche Vergehen, dessen sie sich schuldig gemacht, zu begreifen anfingen, und still und verlegen, bald den Herrn Pastor, bald ihren Lehrer anschauten. »Herr Hennig – dürft ich Sie vielleicht um eine Erklärung dieses Auftritts, rrrrrrr – an dem Sie sich selbst, wie mir fast vorkommen will, zu ergötzen scheinen, ersuchen rrrrrrrrrr?« – und er sprach das letzte Wort mit einem so beißenden Nachdruck, daß Hennig bald merken mußte, in wie hohem Grade sein mächtiger Vorgesetzter über ihn erbittert sei.
»Herr Superintendent,« nahm er deshalb um nicht selber noch muthwillig den Groll zu erhöhen, das Wort, »die Kinder sind ungezogen gewesen, während des Religionsunterrichtes zu lachen, gerade heute und bei dieser Frage würden Sie es aber auch entschuldigen, wenn Sie den »Verstandesübungen« mit beigewohnt hätten, wo Einer von den Kleineren eine, ebenfalls sich auf Noah beziehende Frage so komisch beantwortete, daß wir Alle lachen mußten. – Die neue Nennung des Namens ruft dies jetzt in das Gedächtniß der Kinder zurück, und es ist wohl natürlich, daß sie dabei nicht ernsthaft bleiben konnten; kam mir doch selbst das Lachen an, und mußte ich mir Mühe geben, es zu unterdrücken.«