»Das ist recht hübsch von Ihnen, Herr Hennig, sehr hübsch, Herr Hennig – rrrrrr – und Sie mögen das, wie ich gar nicht bezweifeln will – wenn Sie allein mit den Kindern sind, Herr Hennig rrrrrrrr, auch so halten – obgleich es mir – der guten Sache wegen, versteht sich, eigentlich lieber wäre, wenn es nicht geschähe – rrrrrr – in meiner Gegenwart aber, und in den wenigen Minuten, die ich hier in Ihrer Schulstube gegenwärtig bin, rrrr, möcht' ich mir das in Zukunft höflichst verbeten haben, Herr Hennig – rrrrrrrrrr.«
»Herr Superintendent, ich versichere Sie –«
»Und noch außerdem möchte ich Ihnen bemerken, Herr Hennig, daß ich in Ihrer Classe überhaupt, und mit großem Misfallen eine Unaufmerksamkeit finden muß, die nie, am allerwenigsten aber in einem Religionsunterricht statt finden sollte – rrrrrrr.« –
»Herr Superintendent –«
»Wir haben noch keine Emancipation, Herr Hennig, rrrr« – unterbrach ihn der fromme Herr, der fest entschlossen schien, den Schullehrer gar nicht zu Worte kommen zu lassen, »auf's Neue wir haben noch keine Emancipation, sage ich Ihnen, und es thut mir ungemein leid, rrrrrr – Nichts günstigeres über Sie und die Ihnen anvertraute Schule an ein hohes Consistorium berichten zu können – wir haben noch keine Emancipation, Herr Hennig rrrrrrrrrrr.«
»Wollte Gott wir hätten sie, Herr Superintendent,« fiel ihm aber jetzt Hennig, dem das Blut auch überzuwallen begann, vor all den Kindern so unwürdig behandelt zu werden, in's Wort – »dann hätte dieser Auftritt, der nur bestimmt zu sein scheint, den Lehrer um die Achtung der Kinder zu bringen, nie und nimmer statt finden können. –«
»Herr Hennig!« riefen der Herr Superintendent und der Herr Pastor in einem Chor, voll starren staunenden Entsetzens. –
»Wollte Gott wir hätten sie« wiederholte aber, jetzt von seinen Gefühlen ganz hingerissen und bewältigt, und unbekümmert um irgend einen der Vorgesetzten, der junge Mann, »daß der Geist des Lehrers frei und stark die von ihm erfaßte Bahn festhalten und verfolgen könnte, und segensreich auf das Schicksal seiner ihm anvertrauten Zöglinge, auf das Schicksal künftiger Geschlechter einwirken dürfte – kein Heil ist für Deutschland zu erwarten, so lange der Lehrer unter die Oberaufsicht von Leuten erniedrigt wird, die vom Schulwesen Nichts verstehn, und sich doch ein Urtheil über ihn anmaßen, und in deren Händen es noch überdieß liegt durch heimliche Conduitenlisten den so schon genug Unterdrückten noch gänzlich zu verderben, indem sie Beschuldigungen auf ihn häufen, oder ihn durch Anklagen verdächtigen, gegen die er sich nicht vertheidigen kann, weil er sie nicht einmal erfährt, und erst in ihrer verderblichen Wirkung kennen lernt.« –
»Herr Hennig rrrrrrr« – riefen aber jetzt der Herr Superintendent, der in seinem Grimm und Staunen bald roth und bald blaß geworden war, und dem also Aufgeregten, der nicht einmal seinen Stand mehr achtete, und es, mit einer Kühnheit, die ihm beispiellos dastand, wagte, vor der ganzen Schule in solcher Art gegen ihn aufzutreten, auch am Ende gar noch etwas Schlimmeres – vielleicht gar Thätlichkeiten zutraute – »Herr Hennig, rrrrrrr – wir werden uns rrrrrrrr – wir werden uns wieder sprechen, rrrrrrrrr – 'pfehle mich Ihnen Herr Hennig – rrrrrrrrr – 'pfehle mich Ihnen Herr Hennig – rrrrrrrrrrrrr.«
Durch den Schwarm der ängstlich und schnell Raum gebenden Knaben brach er sich Bahn, und verließ, von dem Pastor gefolgt, rasch die Schule. – Etwa hundert Schritt von deren Thür entfernt, hielt sein Wagen, denn er war mit Willen nicht ganz vorgefahren, um den Lehrer besser überraschen zu können. Nach einigen, mit Pastor Scheidler nur noch flüchtig gewechselten Worten, stieg er ein, rief dem Kutscher den Namen des Orts zu, den er besuchen wollte, und rollte gleich darauf, von den neugierigen Blicken der Dorfbewohner verfolgt, den Weg entlang, der auf das nur etwa anderthalb Stunden entfernte Bachstetten zuführte.