Hennig war indessen, die sich schüchtern zusammendrängenden Kinder nicht weiter betrachtend, in dem engen Raum, der ihm vor den Bänken frei blieb, mit raschen Schritten und verschränkten Armen auf und abgegangen, als sich die Thür wieder öffnete, und Pastor Scheidler noch einmal herein trat. Er blieb jedoch auf der Schwelle stehn und als Hennig zu ihm auf, und die Kinder nach ihm umschauten – sagte er zu diesen mit freundlicherer Stimme als sie es vielleicht erwartet:

»Ihr könnt zu Hause gehn – es wird gleich zwölf schlagen – haltet hübsch Ordnung.«

Still und geräuschlos glitten Knaben und Mädchen, denen es anfing unheimlich in dem Raum zu werden, an ihm vorüber, ins Freie hinaus und der Pastor wandte sich, als auch der Letzte das Zimmer verlassen, mit wohl ernsten, aber nichtsdestoweniger herzlichen Worten an den gereizten jungen Mann, der im Anfang schon eine zweite Strafpredigt erwartet hatte, und – jedes eigene Interesse hintenansetzend, fest entschlossen schien, sich keiner gewaltigen Hand mehr zu beugen, jetzt aber, durch die freundliche Stimme erst überrascht, bewegt wurde – einen Augenblick schwieg und dann, ihre sonstige Stellung ganz vergessend, des Pastors Hand ergriff und mit leiser, fast bittender Stimme sagte:

»Sein Sie mir nicht böse, Herr Pastor, daß ich mich eben von meiner Heftigkeit so hinreißen ließ, gegen den Herrn Superintendenten so harte Worte auszustoßen. Ich will allerdings nicht leugnen, daß sie ernstlich gemeint waren, ich müßte sonst, wollte ich das, mein eignes Selbst mit abschwören, aber sie sollten den alten Herrn nicht beleidigen, und ich fürchte fast, daß das geschehen ist – darf ich auf Ihre Güte rechnen, darin ein freundliches Wort für mich einzulegen?«

»Lieber Hennig,« erwiederte ihm hierauf der Pastor – »Sie haben ein Versehen gemacht, das Ihnen, fürchte ich, nicht so leicht vergeben werden wird, als Sie jetzt zu denken scheinen – der Herr Superintendent fuhr in äußerster Entrüstung fort, und – es thut mir leid, es sagen zu müssen – er hatte in der That recht.«

»Herr Pastor.«

»Ja ja, lieber Hennig, ich habe sonst, wie Sie recht gut wissen, nur sehr wenig gegen die Art einzuwenden, wie Sie Ihre Schule halten – gar nichts dabei gegen Ihren eignen Fleiß und Eifer, die Unaufmerksamkeit Ihrer Classe war aber heute wirklich auffallend, und ich kann es dem Herrn Superintendenten gar nicht verdenken, daß er ein paar tadelnde Worte darüber sprach, ja ich glaube, es ist sogar, was er gethan, nur seine Pflicht und Schuldigkeit gewesen.«

»Herr Pastor,« nahm da Hennig ernst und ruhig das Wort, »ich glaube, daß Sie es gut mit der Schule – und auch mit mir meinen; ich will es wenigstens hoffen, denn ich habe gerade Ihnen noch nie Gelegenheit zum Gegentheil gegeben. Das Herz in der Brust thut Einem aber weh, wenn man sich nun das ganze Jahr in der Schule müht und quält, seine besten Kräfte, seine besten Lebensjahre daran wendet, etwas Tüchtiges und Ordentliches aus den Kindern zu ziehen – wenn man den richtigen Saamen in ihre Seele gelegt, und dafür auch deren leiseste fernste Seelenkräfte kennen gelernt hat, und nun einen Mann hereinkommen sieht, den Gott – Sie verzeihen mir den Ausdruck – zufällig zum Superintendenten gemacht, der von der Schule nur wenig, von der Behandlung der Kinder gar Nichts versteht, seine eigenen selbstsüchtigen Ansichten mit herein bringt, überall anstößt, von den Kindern heimlich ausgelacht wird, da sie, bei den Blößen, die er giebt, bald durchschauen müssen, was eigentlich hinter ihm steckt, und der denn doch Macht und Gewalt genug hat, gerade den, den die Schüler am höchsten achten sollten, ihren Lehrer, in den Staub nieder zu treten und zu vernichten. Gerade der Uebermuth, Herr Pastor, ist es, der endlich selbst einem armen Dorfschulmeister hat den Nacken heben, und das unerträgliche Joch fühlen lassen, und das muß abgeschüttelt werden, Herr Pastor, oder nicht allein wir, das wäre das wenigste, und Deutschland brauchte nicht zu trauern, nein, die ganze künftige Generation geht zu Grunde, und muß zu Grunde gehen. Der Fluch komme dann auf die Häupter derer, die es verschuldet.«

»Daß die Kinder unaufmerksam wurden,« fuhr er nach einer Pause von wenigen Secunden fort, »ist kein Wunder – sie waren abgespannt – der Religionsunterricht vorher, dann die Verstandesübungen, dann wieder Religionsunterricht, wo soll da die Aufmerksamkeit herkommen? Danach aber fragt der Superintendent nicht – wie sein Wort die Dienste des Lehrers fesseln kann, glaubt er auch den Geist der Kinder in der Hand zu haben; der aber ist leicht und fröhlich, und wenn ihn die Krause auch schrecken kann, fassen und unterdrücken wird sie ihn nur langsam und nur – nach einem systematischen Mordplan – dem er endlich unterliegen muß.«

»Sie gebrauchen etwas starke Ausdrücke, lieber Hennig, aber ich will das Ihrer jetzigen Aufregung zu Gute halten, und Ihnen einen Vorschlag machen, der vielleicht nicht allein die ganze eben vorgefallene Geschichte mit dem Herrn Superintendenten, und zwar selbst bei diesem in Vergessenheit bringt, sondern Ihnen auch von wesentlichem Nutzen sein kann. Ich wenigstens weiß nichts auf der Welt, was ich Ihnen abschlagen könnte, wenn Sie nur dieß eine Mal diesem, meinem Rathe folgen wollten.«