»Und der wäre?« sagte Hennig aufmerksam werdend und gespannt – »ich habe doch sonst in allen Stücken, Herr Pastor, gerade Ihrem Rathe so gern und willig Folge geleistet.«

»Ja – allerdings – in fast allen Stücken – nur in dem einen nicht, und doch könnte gerade dieses eben jetzt die Folge recht böser und unangenehmer Folgen für Sie sein – Sie verstehen was ich meine?«

Der Lehrer nickte traurig und schweigend mit dem Kopfe, und sagte endlich, nachdem er lange und sinnend vor sich niedergestarrt:

»Aus dem Herzen soll ich all' meine Hoffnung, mein festes heiliges Vertrauen auf eine Zukunft reißen, elend und arm soll ich, mich selbst verachtend, dastehen in der Welt, und – dafür wollen Sie ein hastig gesprochenes Wort vergessen, und mir wieder gnädige – Herren sein.«

»Herr Hennig!«

»Zürnen Sie mir nicht, Herr Pastor, daß ich nicht anders handle, als ich es eben thue – wäre ich hier schwankend, wer bürgte Ihnen dann dafür, daß ich in meinem Eifer, in meiner Liebe zu den mir anvertrauten Kindern nicht auch schwankend würde? Lassen Sie mich auf meiner Bahn fortschreiten, und Alles über mich ergehen, was da ergehen soll – ich fürchte überdieß, daß ich den Leidenskelch noch nicht geleert. – Mag der Herr Superintendent sein Aeußerstes thun, was jedenfalls geschehen wird, wenn ich ihm nicht morgen spätestens zu Füßen falle und um Verzeihung bitte – mag er die Blitze des Consistoriums auf mich herab beschwören, ich bleibe meinen Ansichten treu, und gerade Sie, Herr Pastor, zu dessen besten Eigenschaften seltne Charakterfestigkeit gehört, werden mir darüber am wenigsten zürnen dürfen.«

»Ich weiß nicht recht,« sagte der geistliche Herr, keinesfalls mit dem Resultat zufrieden, und halb verlegen lächelnd, »ob die ›beste Eigenschaft‹ eine Schmeichelei oder eine – Grobheit für mich sein soll, will sie jedoch im besten Sinne nehmen. Damit kommen Sie übrigens nicht durch, Hennig – damit kommen Sie nicht durch. – Wenn ein vernünftiger Mensch mit dem Kopfe absolut durch eine Wand fahren will, so prüft er wenigstens vorher, ob sie aus Stein oder Lehm besteht, und ist das erstere der Fall, so giebt er es auf – oder er ist eben kein vernünftiger Mann mehr. Sie, lieber Hennig, wollen mit dem Kopfe durch eine solide Steinwand brechen, erlauben Sie mir aber die Bemerkung, daß der Stein doch noch etwas härter ist, als Ihr Kopf, und das Resultat kann da, nach allen Gesetzen der gesunden Vernunft, auch nicht im Mindesten mehr zweifelhaft sein. Ich meine es gut mit Ihnen, und würde Ihre Beförderung zu einer besseren Stelle mit Freuden gesehen haben, stoßen Sie aber jede Hand, die Ihnen Hülfe bietet, gewaltsam von sich, so wundern Sie sich auch nicht, wenn sich Ihr Schicksal, wenigstens nicht in nächster Zeit so günstig gestalten sollte, als Sie es vielleicht wünschen. Ich will Sie jetzt mit Ihren Gedanken allein lassen – überlegen Sie sich noch einmal, was ich Ihnen gesagt – auch nicht einmal ein Zugeständniß verlange ich dann von Ihnen, nur Ihr Betragen, nur Ihre ganze Handlungsweise mag mir in nächster Zeit beweisen, ob Sie zur Vernunft gekommen sind, ob Sie den Versuch mit der Mauer noch wirklich machen wollen.«

Er verließ die Schule, und Hennig stand in dem öden, leeren Raum allein.

Zehntes Kapitel.
Die Verabredung.

Der Abend brach an, die Sonne sank hinter den glühenden Gipfeln der Bäume in ihr rosenbestreutes Bett und hier und da funkelte einer der klaren blitzenden Sterne nach dem andern von dem mattblauen Himmelsgewölbe nieder.