Auf dieser hin schritt langsam, in schwarzem Filzhut und braunem mit Schnüren besetzten Burnus, ein Mann, hielt dann und wann an, die rege Gruppe der Jäger zu beobachten, die gerade ihren Sammelplatz auf einer flachen Wiese erreicht hatte, und von dort, um das ganze Treiben zu umzingeln, nach rechts und links Schützen und Treiber abwechselnd aussandte, und blieb endlich an dem nämlichen Steine stehen, an welchem wir dem alten Schulmeister Kleinholz gleich im Anfang unserer Erzählung begegneten.

Eine Viertelstunde mochte er so gestanden haben, und das Treiben unten, das auch einzelne der kleinen Schluchten mit umschloß, war ziemlich zugezogen, als auf der Straße von Sockwitz her ein anderer Mann im einfach braunen, etwas abgetragenen Ueberrock, den schwarzen alten Filz ebenfalls auf dem Kopf, langsam den Weg niederschritt, und eben grüßend an dem jungen Mann vorübergehen wollte, als dieser, der vorher nur einen flüchtigen Seitenblick nach ihm hinübergeworfen, sich rasch umdrehte, und ihm die Hand entgegenstreckend, ausrief:

»Kraft!«

»Wahlert?« – sagte der Schullehrer, unser alter Bekannter, noch von der Versammlung her, erstaunt. »Sie hier in Horneck? – Was um des Himmels willen hat Sie hergeführt – Ihre Freiheit ist doch nicht mehr bedroht?«

»Nicht mehr hier – was in Berlin der Fall wäre, möchte eine andere Frage sein,« lächelte der junge Mann – »ja ja, lieber Freund, so wechseln die Schicksale, erst wie ein gemeiner Verbrecher von Steckbriefen und Häschern verfolgt, dann nach mir geschossen, wie nach einem wilden, reißenden Thiere – dann gefangen – wieder befreit – der Abgott des Volkes, von Fürsten gesucht, im Rath der erste zur Ministerpräsidentschaft berufen, aus der Nacht mit einmal zum höchsten strahlenden Lichtesglanz emporgeschleudert – und jetzt? – ein flüchtiger, oder doch wenigstens geflüchteter Demagog, ein mißliebiger Republikaner, der mit seinen schönen Träumen endlich wahrscheinlich – auswandern muß, um sie, wenn auch nicht mehr in Deutschland, doch wenigstens in Deutschen realisirt zu finden.«

»Auswandern?« frug Kraft erstaunt – »weshalb denn gerade auswandern

»Es wird Nichts in Deutschland,« sagte Wahlert, finster vor sich niederblickend, »jetzt wenigstens noch nicht, bis nicht eine frische Anregung von außen kommt, und die jetzt vorzubereiten, das sei das Werk derer, die wie wir es ehrlich mit dem Vaterlande meinen.«

»Anregung von Außen« wiederholte Kraft, traurig dabei mit dem Kopfe schüttelnd; »ach, lieber Wahlert, so lange wir in Deutschland nicht selber im Inneren reif zu einer Selbstregierung sind, da hilft uns auch keine Anregung von Außen, komme sie, woher sie wolle; sie kann die Ordnung wieder zerstören, die Gesetze umstoßen, das ungebildete Volk reizen, und zum wilden zerstörenden Aufruhr locken, ihm aber die Kraft und Einigkeit und besonders die Einsicht geben, deren es, ach leider so nothwendig bedarf, um seine schlimmsten Feinde zu erkennen, und keinen Unterschied mehr zwischen schleichenden Reaktionairen oder bramarbasirenden Wühlern zu machen, das kann eine Anregung von außen nicht, das muß Fleiß und Ausdauer im Inneren wirken.«

»Reif, reif und immer nur reif,« sagte Wahlert unwillig, »sind auch Sie Einer von denen, die das Wort zum Mantel brauchen, ihre eigene Furcht darunter zu verstecken? – Reif – weshalb soll der Deutsche nicht eben so gut reif zur Freiheit sein, wie ein anderes Volk – weshalb ist er plötzlich reif und ein Republikaner, wenn er über die See und nach Nordamerika kommt? reift ihn etwa die Seeluft oder wird dort ein besonderer chemischer Proceß vorgenommen, der ihn in mistbeetartiger Schnelle die hier noch nicht besessene Reife giebt?«

»Sein Sie nicht böse auf mich, meiner Aeußerung wegen,« sagte Kraft freundlich, »Sie wissen aber noch von früherer Zeit wohl her, wo ich in der Residenz als Lehrer Ihres Vaters Haus besuchte, daß ich frei und derb mit meiner Meinung herauskomme, und nicht ›meine Furcht unter einem Mantel‹ verstecke.«