Wahlert reichte ihm schweigend und das rauhe Wort abbittend, die Hand, der alte Lehrer fuhr aber lächelnd fort:
»Lassen Sie's gut sein, Sie sind ein junger Brausekopf, und ich sehe das lebendige Leben eben so gern in dem jugendlichen Körper, wie den Geist im Champagner und den Uebermuth im jungen Roß, nur einen Irrthum will ich auf ihrer Seite berichtigen, einen Irrthum, der besonders in dem letzten Semester auf eine traurige Weise ausgebeutet worden ist, Unerfahrene zu überrumpeln und einen Beweis für etwas zu liefern, das sich auf eine andere Art eben nicht beweisen ließ. Sie wissen, lieber Wahlert, daß ich, ehe ich in die Residenz zurückkehrte, von wo aus ich gleich, durch des Herrn Generalsuperintendenten Vermittelung und Fürsprache –«
»Weil Sie seinem Sohne aus der Flut das Leben gerettet –«
»– Eher vielleicht, weil er mich passend für die Stellung hielt,« fuhr Kraft fort – »die Stelle in Bachstetten bekam, mich eine Zeit lang in Amerika herumgetrieben hatte. Wir haben oft darüber zusammen gesprochen, und ich suchte Ihnen stets von unseren Landsleuten in Amerika eine so günstige Meinung beizubringen wie nur möglich – ich liebe mein Vaterland und dessen Söhne und wäre der Letzte, der einer ungerechten Beschuldigung gegen sie Worte gäbe, wollen Sie mir aber mit denen beweisen, daß die zurückgebliebenen Bewohner unseres Deutschlands ebenfalls reif wären, so rennen Sie da in einen Irrthum hinein, den Sie nie schmerzlicher einsähen, als wenn Sie selbst nach Amerika kämen.«
»Daß der Deutsche unfähig sei, sich in einer Republik zu regieren, das wolle Gott verhüten, daß ich das behaupte – es hieß, ihm sein gesundes Herz, seine Fähigkeiten absprechen und leugnen, er ist aber eben nur fähig dazu, und wie das Kind, das den künftigen Gelehrten noch im ersten innersten Keime mit sich herum trägt, und nicht einmal lesen kann, ehe es ihm von älteren Leuten gelehrt wurde, so muß auch der Deutsche vor allen Dingen noch lernen, sich selbst zu regieren, ehe er diese schwere Kunst, soll es nicht zu seinem Verderben zu früh geschehn, in Ausführung bringen kann.«
»Aber Amerika – die Amerikaner selber –«
»Sind mir der Beweis dessen, was ich hier gesagt – Amerika schüttelte damals das englische Joch ab, proclamirte die Republik und wurde damals der blühendste Staat der Welt; sind aber dessen damalige Verhältnisse mit den unseren hier in jetziger Zeit auch nur im Entferntesten zu vergleichen? Nein, wahrlich nicht – Amerika war vom ersten Augenblicke an, wo die Separatisten-Colonie in den Schiffen Mayflower und Speedwell zu Plymouth im Jahre 1592 landeten, eine Republik. Schon an Bord des ersten Fahrzeuges entwarfen und unterzeichneten sie ein Instrument, das zur nöthigen Gründung und Bestätigung ihrer künftigen Einrichtungen dienen sollte, und in jenem einfachen Document wurde schon, und zum ersten Male, das große Princip einer freiwilligen Conföderation von unabhängigen Männern ausgesprochen, die einen Staat gründeten, ›nicht der Regierenden, sondern der Regierten wegen‹. Dort begann sie auf einem freien, noch unentweihten Feld ihre staatliche Einrichtung, und wenn auch England sein Scepter darüber hielt, so bestand doch die ganze Botmäßigkeit, die es über seine amerikanischen Colonien ausüben konnte, nur eigentlich in der Einsetzung von englischen Gouverneuren, in dem Vorbehalt, ihm mißliebige Gesetze ändern oder annulliren zu können, und in der Auflage von Steuern und Taxen. Der freien Entwickelung des Volkes konnte vom Mutterland aus nicht entgegengearbeitet werden, die in Amerika Gebornen wuchsen, von heißer Liebe für ihr Vaterland beseelt, und mit nur geringen Sympathien für Alt-England auf, und wie ihnen endlich der Druck von dort her zu beengend und unerträglich wurde, da schüttelten sie eben nur das über das Meer her aufgelegte Joch ab und – waren frei. Sie hatten kaum etwas weiteres zu thun, als in die Stelle der vertriebenen Gouverneure eigene einzusetzen, die Verfassung, die sie sich gaben, wurde nur wenig verändert, in Rhode-Island zum Beispiel fast gänzlich beibehalten und kein Mensch wird hiernach die Amerikaner als ein Volk zum Beispiel aufstellen können, das rasch von der Monarchie zur Republik übergegangen wäre.«
»Was aber nun die Deutschen betrifft, die dort hinüber auswandern, und von denen auch Sie leider, lieber Wahlert, vor wenigen Minuten dieselbe Phrase gebrauchten, die im Munde der sogenannten Republikaner bei den unteren Schichten unserer Gesellschaft so vieles Glück macht, ›ob die Deutschen, die nach Amerika gingen, etwa auf der See Republikaner würden, daß sie es drüben so ganz auf einmal, und hier doch gar nicht gewesen wären‹, so will ich Ihnen nur darauf einfach antworten, ›sie werden es auf der See, und auch selbst drüben nicht, bis sie nicht ihre gehörige Lehrzeit bestanden haben‹. Denn wollen Sie das nur zum Beweis gelten lassen, daß sie wählen, so macht doch wahrlich die Abgabe seiner Stimme den Republikaner noch nicht.«
»Wie aber wollen Sie beweisen, daß die herüber gekommenen Deutschen nicht Republikaner im edlen Sinne des Wortes seien?« frug Wahlert begierig, »sind nicht eben die Deutschen ihres Vaterlandes und ihres ehrlichen, treuen und umsichtigen Charakters wegen, gerade in Nord-Amerika allgemein geachtet und geliebt?«
»Wollte Gott, ich könnte die Frage mit Ja beantworten, dann säße ich nicht hier im Vaterlande und äße das schwere sauere Brod – und eben auch nur Brod, eines Dorfschulmeisters, der sich noch glücklich schätzen muß, durch einen freundlichen Gönner eine der wenigen guten Stellen von – 200 Thaler jährlichen Gehalt bekommen zu haben, und dafür jetzt Aerger und Verdruß, Sorge, Entbehrungen und Beschwerden das ganze geschlagene Jahr in vollem Maße einärntet.«