»Wie soll ich das verstehen?« frug Wahlert erstaunt.

»Es ist einfach genug,« sagte Kraft, »und ich will es Ihnen, da es doch genauen Bezug auf unser jetziges Gespräch hat, mit kurzen Worten mittheilen. Auch ich kam damals mit all den schönen Hoffnungen von Deutschthum nach den Vereinigten Staaten, und glaubte in der That, der Name ›ein Deutscher‹ werde dort schon gewissermaßen allein als ein Freipaß zur ehrenvollsten Aufnahme gelten – Großer Gott, wie hatte ich mich getäuscht. Nur kurze Zeit hielt ich mich in Neu-York auf, das ganze Wesen und Treiben der Deutschen dort gefiel mir nicht, auch schien mir eine Art Haß zwischen diesen und den Amerikanern zu bestehen. Nach Cincinnati zog es mich, der ›Königin des Westens‹, dort im Westen, mußte auch der Deutsche, seines Fleißes und sittlichen Betragens wegen, geachtet sein – so dachte ich, und was fand ich? – ›You shall call me a dutchman‹ – ›Du sollst mich einen Deutschen nennen, wenn das und das wahr ist‹, – lautete das Sprichwort der Amerikaner und leider nicht nur der niederen Klassen. God damn the dutch tönte es wohl hundert Mal des Tags in meine Ohren, und das Herz, glaubte ich, sollte mir brechen vor Weh und Scham. – Ich zog in die Wälder, trieb mich viele Jahre in den dünnen Ansiedlungen der weißen Pioneere, – Jahre lang zwischen den halbcivilisirten Indianern herum, und kehrte endlich, eines geselligen Verkehrs bedürftig, nach den Vereinigten Staaten zurück. Und was fand ich dort? – gerade zur Zeit der Wahlkämpfe traf ich in Philadelphia ein – auch Deutsche brauchten ihr Recht, das Recht der freien Wahl, das Recht eines freien Bürgers – und wie brauchten sie es? Kaufen ließen sie sich von Whigs oder Demokraten, nicht wer das meiste bot, denn schlecht waren sie eigentlich nicht, nein, wer das erste bot, wer ihnen zuerst in den Weg kam und sie zu überreden wußte, dem überließen sie sich. Keinen Begriff hatten sie von dem, was die Wahl eigentlich bedeute, was sie für einen Einfluß auf sie selbst, auf das ganze Land, ausüben könne – ›ach was‹ hört ich Viele sagen, ›ob ich den oder den Wisch in den Kasten stecke, darum bleibt Amerika doch stehn und wir kriegen auch nicht mehr Lohn.‹ Anderen machte ich Vorwürfe über ihr schändliches schaamloses Betragen und erhielt die Antwort: ›Geht zum Teufel – wir sind hier freie Amerikaner, und können stimmen wie wir wollen.‹«

»Und das waren meine Landsleute, das waren die Männer, die ich mir als ›Republikaner‹ geträumt, für die ich geschwärmt, die ich zum Beispiel für Andere, gerade wie Sie es gethan, aufgestellt hatte. Und von solchen Menschen könnten wir in Deutschland eine Besserung der Zustände erwarten? – Lange kämpfte ich damals mit mir selbst, was ich thun, wie ich handeln sollte, endlich war mein Entschluß bestimmt – nach Deutschland kehrte ich zurück und in Deutschland lag ferner, so lange diese schwachen Kräfte noch ausreichten, mein Wirkungskreis. Das Volk, oder wenigstens den kleinen mir anvertrauten Theil desselben, wollte ich heranziehn nach besten Kräften, wollte Männer aus ihnen machen, Männer, die wissen, was sie sich und ihrem Vaterlande – seien sie nun darin geboren oder aus freier Wahl hervorgezogen – schuldig sind – wollte mit einem Worte würdige Republikaner heranbilden, die ihre Zeit begriffen und verstanden. Was ich dabei unter Republik verstehe, vertrüge sich auch recht gut mit einer constitutionellen Monarchie, wenn diese Form, der Masse wegen, beibehalten werden müßte, aber ein König oder Kaiser würde dann auch nur der Präsident der Staaten sein und die Macht in der Majorität – im Volke ruhen.«

»Das, mein guter Herr Wahlert, ist meine Politik und ob ich recht gehabt, mag die Zeit lehren. Unser – Deutschlands Heil liegt nicht in der Gegenwart, obgleich ich gar nicht leugnen will, daß die letzte Revolution heilsam, ja sogar nöthig war, die starre Rinde erst einmal zu brechen, die uns mit ihren Banden umschlossen hielt – die Freiheit mußte geboren werden, ehe sie überhaupt bestehen konnte, jetzt aber haben wir sie heranzubilden und zu pflegen nach besten Kräften, daß sie in der aufwachsenden, von ihr beseligten Jugend eine starke, einige Stütze finde und nachher, lieber Wahlert, nachher wollen wir wieder von der Abänderung der jetzigen Staatsform sprechen. Ist dann die Majorität des Volks, mit ihrem vollen Bewußtsein für Republik, ei lieber Gott, wer will sie ihr dann vorenthalten können, und ist sie es nicht? Gut, dann wird sie auch wissen weshalb, und sich der Majorität zu fügen, ist selbst Pflicht des Republikaners. – Wenn er nämlich wirklich auch ein Republikaner im Herzen ist, und sich nicht blos in eitlem prahlerischen Dünkel den Namen und die rothe Cokarde beilegt, zugleich aber gegen die Titel und Orden, die doch in dem Fall nur ganz dasselbe sind, in phrasenreichen Reden donnerte. Und Sie schweigen?«

Wahlert stand, den linken Fuß auf den Stein gehoben, den linken Ellbogen auf das Knie, in die Hand den Kopf und die rechte auf seinen Stock gestützt, still und schweigend wohl mehrere Minuten da und sagte endlich leise:

»Manchmal, in recht trüben, schweren Stunden, haben mich ähnliche Gedanken überkommen, und ich zweifelte dann, wenn ich mich hie und da einmal in meinen Hoffnungen getäuscht, in meinen liebsten Plänen verlassen sah, an der Ausführung des hohen herrlichen Ziels. Aber nein, nein, es kann, es darf nicht sein,« rief er, sich plötzlich hoch und freudig emporrichtend – »nur ängstliches Alpdrücken ist das, was uns jetzt Herz und Seele manchmal beengt, noch nicht hineinfinden können wir uns in den Gedanken an so Göttliches. – Es ist wahr, in der Volksversammlung jauchzt die Menge nur dem Redner zu, der ihm die schwülstigsten Phrasen, die gröbsten Schmeicheleien in den Bart wirft – mit Mismuth und Aerger hab' ich beobachtet, wie in den Versammlungen der Demokraten besonders, wo leider am wenigsten die Intelligenz vertreten war, einige Wenige die Debatte leiteten und die Masse nur dazu da zu sein schien, beim Abstimmen ihrer Führer Meinung zum Beschluß zu erheben – aber das sind einzelne Misgriffe, die von selber in ihr Nichts zurückfallen werden. Das Volk selbst, das heißt der Kern des Volks, der Landmann, der Bürger weiß was er will und das einzige was wir jetzt zu thun haben ist, ihn dazu anzutreiben, daß er auch will, was er weiß.«

»Gut« sagte Kraft ernst – »so gehn Sie denn hier im Lande herum und betrachten Sie sich das, was sie den Kern desselben nennen – kommen Sie zu dem Bauer, Gärtner, Häusler, zu dem Knecht und Tagelöhner, gehen Sie selbst zu den bemittelteren Bewohnern in Horneck und Bachstetten und wie die umliegenden Ortschaften alle heißen, und dann sagen Sie mir wieder, ob das Republikaner sind, die Sie da finden, ob Sie sich getrauen, mit dem Volk eine Republik zu gründen. Sie wissen selbst am Besten, wie Sie hier von den ›Arbeitern,‹ weil Sie denn einmal den Titel wollen, förmlich einem wilden Thiere gleich gehetzt wurden. – Ja ich weiß schon, damals konnten die Leute es Ihnen noch nicht ansehn, daß Sie Ihr Leben und Vermögen blos seinem Wohl geopfert und Alles verlassen hatten was den Menschen an die Heimath fesseln kann, nur um die Undankbaren von ihren Fesseln zu befreien und – glücklich zu machen. Aber jetzt – jetzt wissen sie das Vorgegangene, jetzt wissen sie, daß man Sie damals nur verfolgte, weil Sie Ihre Meinung zu frei geäußert und die Massen versucht hatten, zur Erkenntniß ihrer selbst zu bringen. Jetzt wissen sie, daß kein Verbrechen auf Ihnen lastet, jetzt wissen sie, daß Sie nur stets des armen Mannes Bestes gewollt und erstrebt, und blind folgte Ihnen die Schaar, wohin Sie die Fahne trügen. Treten Sie ihr aber einmal mit festem Wort entgegen, versuchen Sie den Strom zu dämmen, der im Begriff ist, sein Ufer zu überschwemmen, und Alles ist vergessen, was früher geschehn, gethan, – ›Reaktionair!‹ brüllt die Menge, und einmal verdächtigt, könnten Sie selbst die besten heiligsten Motive vor ihrem Fluch nicht schützen. Die eigenen Führer sind die ersten, die von den siegestrunkenen Republikanern, wollten sie die Republik jetzt proklamiren und nachher dem Mord und der Plünderung Einhalt thun, an die Laternenpfähle geknüpft würden. –«

»Doch ich predige da tauben Ohren und es ist mit der Politik, wie mit der Religion; zwei, die verschiedener Meinung sind, kommen zusammen, zanken und disputiren sich Stunden lang, gerathen in Eifer, werden oft bittere Feinde und wissen doch voraus, daß sie nie des Anderen Meinung ändern können. – Dort unten scheint indeß das Treiben zusammengekommen zu sein; wie die armen Hasen springen, und selbst noch mit zerschossenen Läufen ihren Feinden, den Hunden, und den noch weit ärgeren, den Menschen zu entgehn suchen – arme Thiere, Ihr seid eingekesselt, und ringsherum rücken die todtbringenden Rohre zusammen – wählt Euch einen sicheren Schützen zum letzten Sprung, der es bald mit Euch vorüber macht, mit zerschossenen Gliedern die kalte Nacht im Felde zu liegen und dann nicht sterben zu können, muß gar traurig sein.«

»Haben Sie einen besonderen Zweck, der Sie heute nach Horneck führt, lieber Kraft?« frug Wahlert endlich nach ziemlich langer Pause, »daß ich hier sei, konnten Sie doch kaum wissen, und schienen auch erstaunt mich zu sehn.«

»Allerdings« erwiederte der Lehrer »mein Besuch gilt auch eigentlich nur dem armen alten Kleinholz, der vor längerer Zeit schon emeritirt wurde und jetzt in fürchterlichster Noth, sich an das Ministerium um Zulage gewandt hat. Er wollte aber dabei meinem Rath nicht folgen und sich direkt an den Minister wenden, sondern zog den Weg durch den Pastor und zwar mit dessen Bevorwortung vor, Pastor Scheidler meinte er, oder der ›Herr Pastor Scheidler,‹ wie er sagte, hätte ihm schon in früherer Zeit versprochen, Alles aufzubieten, was in seinen Kräften stünde, ihn in der Noth zu unterstützen und auf dessen Bericht hin, der in dem gewöhnlichen steifen amtlichen Styl gehalten wird, kann ich mir nicht denken, daß das Ministerium viel thun wird – es kommen zu viel derartige Eingaben. Doch es ist ja möglich, und ich wollte nur einmal sehn ob es dem armen alten Mann etwas besser geht, und ich ihm vielleicht einige Unterstützung bringen kann.«