»Steht sich der alte Schullehrer hier im Orte so schlecht?« frug Wahlert, »es ist doch ein so großer Ort, und sollte sicherlich gerade den Mann hegen und pflegen, der all seine Bewohner vielleicht groß, und viele zu braven wackeren Menschen herangezogen hat.«

»Du lieber Gott, darüber ließe sich so Manches sagen« erwiederte ihm Kraft seufzend. »Mit funfzig Thalern soll der Mann auskommen, sieben gesunde Kinder ernähren – und nicht betteln gehn, – es ist lächerlich – aber recht traurig. Doch leben Sie wohl, lieber Wahlert – ich habe geschwatzt und geschwatzt und die schöne Zeit damit versäumt, Wasser in die Rausche zu tragen. – Gott bessere es – vielleicht sehn wir uns heut' Abend im Dorfe wieder, ich werde in der Schenke übernachten und erst morgen früh nach Bachstetten zurückkehren.«

Und einen herzlichen Händedruck mit dem jungen Manne wechselnd, schritt er rasch auf dem breiten, mit gelbem Kies überworfenen Weg entlang, dem Dorf zu, das er in kurzer Zeit gerade da erreichte, wo der kleine Fußpfad nach Schule und Kirche hinüber und zwischen Sturz- und Stoppelfeldern hin, rechts abführte.

Zwölftes Kapitel.
Die Begegnung.

Wahlert stand noch eine lange Zeit, und schaute erst mit stierem, aber an Nichts haftendem Blick nach der Richtung hinaus, die sein alter Lehrer genommen, und dann, als dieser hinter den Gebäuden und Obstbäumen verschwunden war, in das Thal hinunter, wo die Treiberjungen eben die geschossenen Hasen auf einem Rain zusammenschleppten, und in eine Reihe legten, und die Schützen indeß in langer Linie auf einem schmalen Stoppelfeld weiter in's Revier hinunter gingen, das zweite Treiben zu beginnen. Endlich richtete er sich empor aus seinem dumpfen Brüten, stützte einen Augenblick noch die Stirn in seine linke hohle Hand, warf dann plötzlich, wie in neu erwachendem Stolz und gekräftigten Entschluß den Kopf zurück, und schritt mit verschränktem Arm rasch, und weder rechts noch links mehr schauend, in den Wald hinein.

Es war ein schöner, aber auch düsterer Morgen, links neben den Feldern hin breiteten sich weite Flächen rosig blühender Haidedecken, hier und da mit grünen Kieferbüschen wie überstreut. Dazwischen herauf aber ragten graue schroffe Felsblöcke, halb eingehüllt in den blüthengeschmückten Teppich, und einzelne entlaubte Eichen schüttelten darüber hin ihre dürren Aeste. Weiter drüben jedoch, wo das fruchtbarere Land begann, wechselten gelbe Stoppeln mit grün schimmernden Rapsflächen ab, und hier und da füllte die, in den wellenförmigen Boden eingerissenen Schluchten, junger kräftiger Baumschlag von Birken und Buchen.

Ueber diese hin lag, gerade den Gipfel des entferntesten Hügels krönend, das kleine Dörfchen Skorditz, bis auf dessen Fluren die Hornecker Jagdgerechtigkeit reichte, und ein langer, scharf gegen den Horizont abstechender Pappelnkamm, zog sich von einem Ende desselben bis zum anderen, die ganze Häuser und Baumgruppe wie mit einem Diadem umschließend, hinüber.

Wahlert hatte eben eine breit ausgehauene Waldschneuse erreicht, durch die hin er, auf die eine Seite wie durch ein Perspectiv nach Skorditz hinübersehen konnte, während er auf der anderen, von einer kleinen Anhöhe begünstigt, einen weiten, von Wald umschlossenen Wiesenplan überschaute. Es war dieselbe Stelle, in deren Nähe er damals, gerade als er die Schneuse überspringen wollte, die beiden jungen Damen getroffen, angeredet, und von dem dazukommenden Jäger so rauh behandelt war, und das Gedächtniß jener Tage mochte ihm wohl recht peinlich, und doch in ihren Folgen auch süß und tröstend durch die Seele ziehen. Er lagerte sich in das weiche, duftige Haidekraut, und schien eine lange Zeit vollkommen in seinen Gedanken und Erinnerungen verloren.

»Wunderliches Schicksal,« murmelte er vor sich hin, während sein Blick die Stelle überflog, wo er damals seine jetzige Braut zuerst gesehen, »konnt' ich wohl denken, als ich die schlanke, liebe Gestalt auf mich zugleiten sah, daß jenes holde, herzige Wesen für den Mann Mitgefühl, und dann Liebe empfinden sollte, der mit zerrissenen Kleidern, mit wirrem Bart und Haar, bleich und verstört, einem Räuber ähnlicher als einem Unglücklichen, in ihren Weg sprang? – Aber bestimmt denn auch das Kleid den Werth des Menschen? Bleibt nicht das Herz sich gleich im Bettlerrock, wie unter –« Er hielt plötzlich inne, schaute erst einen Augenblick still und starr vor sich nieder, und barg dann mit tiefem Seufzer das Antlitz in den Händen. Ein bleiches, schmerzdurchschauertes Bild zog mit vorwurfsvollen Blicken an seiner inneren Seele vorüber, und strafte die Worte Lügen, die sein Mund gesprochen.

Leichte Schritte wurden gehört, den Weg aus dem Holz heraus kam eine Frauengestalt, in ein einfach dunkles Gewand gekleidet; sie hatte einen alten Shawl fest um sich hergeschlagen, und in der rechten Hand hielt sie einen Strauß von Kornblumen, wie sie noch draußen auf den Rainen blühten. Langsam kam sie die Straße herab, und als sie die Stelle erreichte, wo der junge Mann auf der kalten Erde lag, und die Stirn noch immer in das buschige, blumige Haidekraut hineingepreßt hielt, da blieb sie stehen, und schaute halb neugierig, halb ängstlich zu ihm nieder.