»Sind Sie krank, Fremder?« sagte sie endlich mit gedämpfter mitleidiger Stimme – »kann ich etwas helfen?«
Wahlert hob rasch den Kopf empor, sah das bleiche Mädchen dicht vor sich, über ihn hingebeugt, und strich sich schnell mit der Hand über die feuchte Stirn, als wenn er sich erst wirklich überzeugen wolle, ob er wache oder noch fort träume in seinen wilden, wehdurchzuckten Phantasien.
»Marie?« – sagte er emporspringend, und mit noch immer zweifelnder, kaum verständlicher Stimme – »Du hier? – im Wald – allein?«
Ueber des Mädchens Züge hatte sich Todtenblässe gebreitet, und die beiden hellrothen Flecke glühten in eigenthümlichem fieberhaften Feuer, aber sie sprach kein Wort – kein Laut des Erstaunens kam über ihre Lippen, den Mann hier zu finden, dessen Anwesenheit im Dorf ihr schon Herz und Seele mit peinlich quälender Angst erfüllt hatte.
So standen sich die Beiden viele Minuten lang schweigend gegenüber, es war fast, als ob sich Jedes scheute, den Zauber zu brechen, der über dem Begegnen lähmend ruhte. Marie war die erste, die sich sammelte.
»Guten Tag, Herr Wahlert!« sagte sie leise, und wandte sich zum Gehen –
»Marie,« bat da der junge Mann, und ergriff die Hand, die sich nur schwach dagegen sträubte, der seinigen zu begegnen, – »wie geht es Dir – Du siehst bleich, krank und – leidend aus, (er konnte das Wort dürftig, das ihm auf den Lippen lag, nicht aussprechen) kann ich etwas für Dich thun?«
»Sie?« sagte das Mädchen, und schaute ihn erstaunt mit ihren großen, fast geisterhaften, dunkeln Augen an – »Sie? – Was können Sie für mich thun, Herr Wahlert? Sie, der Bräutigam Sophiens, der im Begriff steht, sein Vaterland und seine Familie zu verlassen, um in fernen Zonen an der Seite der Geliebten eine neue Heimath zu suchen?«
»Und sollen wir so auf immer scheiden?« frug Wahlert, von dem weichen Ton der Jungfrau schmerzlich berührt, »Du gabst mir damals die Freiheit wieder, Marie, als mich die Häscher dem Kerker entgegenführten – rettetest vielleicht dadurch mein Leben, denn es lag ihnen in der Zeit viel daran, mich gerade unschädlich zu wissen.«
»Und jetzt sind Sie von keiner Gefahr mehr bedroht?« frug mit monotonen Lauten das Mädchen.