»Hier von keiner, das Volk hat gesiegt, und Glück und Wohlstand wäre ihm verbürgt, wenn es jetzt, o nur jetzt, fest und treu zusammenhielte.«
»Glück und Wohlstand,« murmelte Marie, und wickelte sich fröstelnd fester in ihren Shawl ein – »Glück und Wohlstand – und wenn es fest und treu zusammenhielte« – wiederholte des Musikanten Tochter die Worte des jungen Mannes mit schmerzlicher Bitterkeit – »was aber kann der eine Theil dafür, wenn sich der andere kalt und – treulos von ihm abwenden – von ihm losreißen will? – Was verschuldete er, um in Unglück und Elend hinausgestoßen zu werden – während der Andere das Glück einer Welt in seine Arme zieht? Glück und Wohlstand für Alle – für Alle, nur nicht für die Elenden und in den Staub Getretenen, nur nicht für –«
Das Mädchen, dessen Wangen bei den letzten Worten eine fliegende Gluth wie mit überirdischem Glanz übergoß, und ihr für Momente mit dem feurigen Strahl der großen Augen, fast die frühere Schönheit wieder auf ihr Antlitz zurückzauberte, hielt plötzlich inne, strich sich mit der einen Hand die in die Stirn gefallenen Haare zurück, wandte sich dann ab und sagte mit leiser, wieder ganz ruhiger Stimme:
»Es ist besser, wir scheiden so, und kein Wort wird weiter unter uns gewechselt – ich will keinen Stachel der Reue in Ihre Seele drücken, jetzt, wo Sie die Pflicht übernommen, ein treu an Ihnen hängendes Mädchenherz mit starker, nicht schwankender Hand durch's Leben zu führen – nur eines noch, eines liegt mir auf der Seele, und selbst Gott könnte nicht von mir verlangen, daß ich das Bewußtsein sollte mit in mein Elend – mit in mein Leben hineinziehn.«
»Marie, was ist Dir, Du bist fürchterlich erregt?« sagte mit Mitleid in Ton und Blick der junge Mann.
»Sie glaubten mich schuldig,« fuhr die Unglückliche, sich wieder zu ihm hinwendend und seinem Auge mit festem offnen Blick begegnend, fort – »ich bin es nicht.«
»Nicht?« rief Wahlert erschreckt und schaute mit ängstlicher Spannung auf das erregte Antlitz der einst, ach so heiß Geliebten – »nicht schuldig? – aber großer Gott – wie kam es da – weshalb – wie ist mir denn, mir wirbelt der Kopf vor Allem, was sich mir toll und sinnverdrehend hineinwirft – nicht schuldig – und Dein Kind?«
Marie barg das Antlitz eine Zeit lang in den Händen und große schwere Thränen drängten sich zwischen ihren Fingern hindurch.
»Mein armes Kind!« flüsterte sie leise.
»Du sprichst in Räthseln.«