»Deren Lösung Ihnen das Herz brechen würde,« erwiederte Marie, jetzt plötzlich sich gewaltsam zusammenraffend – »genug – genug – nur nicht als Schuldige, Treulose wollte ich in Ihrem Gedächtnisse leben, der Gedanke war mir zu fürchterlich in all' dem Leide, das überhaupt auf meinem Pfade liegt. – Sie wissen, daß ich Sie nie belogen, und werden mir glauben – jetzt leben Sie wohl und – glücklich – recht glücklich, und wenn Sie manchmal der armen Marie gedenken, sei es – in – in Mitleid – aber nicht in Haß.«
Mit flüchtigen Schritten eilte sie davon, wenige Secunden später aber stand Wahlert auch an ihrer Seite und ihren Arm ergreifend, und sie fest dadurch an die Stelle bannend, rief er rasch und heftig:
»Marie, nicht so – beim ewigen Gott, nicht so – ruht hier ein dunkles Geheimniß, so muß ich es lösen, und will es wissen – sprich, wenn noch ein Strahl von Liebe für mich in Deinem Herzen lebt, sprich.«
»Aus eben dem Grunde sollte ich schweigen,« sagte die Unglückliche – »weshalb dieselbe Last auf ein zweites Herz übertragen, wenn das erste dadurch nur um ein so geringes erleichtert wird – es wäre Sünde. Gehe wie bisher Deine Bahn, kalter, erbarmungsloser Mann, und schaue, mit Deinem Ziel im Auge, nicht nach den Blumen zurück, die Du zertreten hinter Dir läßt.«
»Du bist grausam, Marie, und folterst mich durch Dein Schweigen – nur die beiden Fragen beantworte mir, wenn Du den Frieden meiner Seele höher achtest, als den Stein, den Dein Fuß aus Deiner Bahn wirft – wer ist der Vater Deines Kindes?«
»Meine Schmach,« stöhnte Marie und barg Stirn und Augen in ihrer Linken.
»Du schweigst?« flüsterte Wahlert, und der eigene Laut seiner Stimme machte die Jungfrau erschreckt zu ihm aufschauen.
»Und auch jetzt noch Mißtrauen?« sagte sie und warf noch einen Blick auf den vor ihr Stehenden mit leisem Vorwurf im Ton – »so sei es denn, und dies Geständniß möge mir Gott zur Sühne meiner Sünden rechnen – der Oberpostdirector von Gaulitz.«
»Der Bube!« zischte Wahlert zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch.
»Sie wissen,« fuhr Marie, jetzt wieder hochroth von Schaam übergossen, und von Wahlert abgewandt, fort – »daß die traurigen Verhältnisse meines Vaters mich zwangen, mein Brod mir außer dem Hause zu verdienen; – Sie lernten mich dort kennen – lieben. Mein unseliges Verhängniß wollte aber, daß jene herrliche Frau, bei der ich fast wie ein eigenes Kind gehalten wurde – starb – ich mußte meine Stellung aufgeben und ein böser Geist führte mich in das Haus des Oberpostdirectors von Gaulitz als Wirthschafterin. Sie selbst waren kurze Zeit vorher auf Reisen gegangen. Jener weißhaarige Bösewicht hielt nicht lange mit seinen schändlichen Anträgen zurück – ich wies sie mit Abscheu von mir und wollte sein Haus verlassen – die letzte Nacht – heiliger Gott, ersparen Sie mir das Geständniß – ein höllischer Saft, den ich unbewußt trank, muß mir die Besinnung geraubt haben – am andern Morgen war ich verrathen und – elend.«