»Teufel der,« rief Wahlert, mit dem Fuße stampfend.

»Ich floh zu meinem Vater,« sagte Marie mit kaum hörbarer Stimme, »und hoffte von Stunde zu Stunde auf Ihre Rückkehr – Sie kehrten zurück, aber nicht zu mir. Ein Brief, den ich an Sie, mit der ganzen Erzählung der an mir verübten That – mit der Bitte, um Hülfe, um Gerechtigkeit sandte – kam uneröffnet wieder in meine Hände. Mein Kind starb, in der Residenz fand ich bei anständigen Leuten, da ich nicht einmal die Mittel besaß, mich ordentlich zu kleiden, kein Unterkommen mehr – mit meinem Vater, dessen rohe Vorwürfe mir täglich die Seele zerfleischten, zog ich von da an durch das Land – und wir sangen vor den Thüren der Leute – um unser Brod.«

»Marie,« rief da, von wildem Schmerz ergriffen, Wahlert, und schwere Thränen rollten seine bleichen Wangen herab, »arme, mißhandelte, unglückselige Marie, o sprich – giebt es ein Mittel auf der weiten Gotteswelt, Dir nur in etwas das Leiden zu vergüten, was Du erduldet, denn von jetzt an sollst Du wenigstens keine Noth mehr leiden – keine Sorge mehr kennen – von jetzt an –«

»Nicht um Almosen zu betteln, hab' ich Ihnen mein Schicksal erzählt,« sagte das Mädchen und richtete sich stolz empor – »nicht Ihr Mitleiden wollte ich wecken – nicht Ihre Reue, nur gerechtfertigt – nicht schuldig, nicht sündhaft wollte ich in Ihrer Erinnerung – neben Sophien meinen Platz gewahrt wissen. – Leben Sie wohl, Wahlert, – leben Sie glücklich – mich sehn Sie nimmer wieder.«

»Marie!« rief Wahlert, und streckte bittend die Arme nach ihr aus.

»Denken Sie an Sophien,« sagte die Unglückliche ernst, den Arm gegen ihn erhebend; dann drehte sie sich ab von ihm und wanderte still und ohne sich wieder nach ihm umzuschauen, aber mit raschen festen Schritten, die Straße entlang dem Dorfe zu.

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

Fußnoten

[1]: Diese und die nachstehenden Verse sind wörtlich einem kleinen Liederbuche entnommen: »Faxen aus Sachsen, zweites Heft« Englische Kunstanstalt von A. H. Payne in Leipzig.

[2]: »Löcher machen,« beim Treibjagen nicht die richtige Entfernung von seinem Nebenmann halten, daß eine zu große Lücke oder ein Loch entsteht.