Jetzt aber sprangen auch die andern Männer empor, an dem beginnenden und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen; Lefévre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte, kümmerte sich nicht weiter um den Alten, auf den sich schon zwei der Soldaten geworfen hatten, ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzunehmen, sondern sprang mit einem Satz auf die zusammenschreckende Maid, die in Todesangst der Schwester Namen rief, faßte sie mit unwiderstehlicher Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Sträuben und Wehren vom Boden auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein Boot zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu bringen.
Mehre Schüsse wurden indessen oben gefeuert und unter dem Zeterschrei der Frauen stürzten zwei der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte aber erschien, gleich nach dem ersten Schuß, eine andere Frau, ein junges schönes Weib, die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe hängend, das Schultertuch selbst gelöst und nur von der linken Hand zusammengehalten, wild und verstört wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach langer Wanderung und Ermattung. Aber nur einen Blick warf sie auf die Kämpfenden, ihr Auge suchte ein anderes Ziel, und mit der Schwester Hülfeschrei erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich sträubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend, vorsprang sie zu retten — sich selber zu rächen.
Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Insulaner, und der Indianer hatte dessen Gewehr gepackt, das er ihm zu entwinden suchte, sein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit Gedankenschnelle die Waffe an sich reißend, floh sie den Hang nieder. Das Schultertuch flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild hinterdrein, aber was achtete das die Rasende — wie eine zürnende Göttin ihres Waldes, und so schön wie zornig, flog sie dahin, die Füße kaum den Boden berührend, und ehe noch der Räuber den Waldrand erreicht war sie dicht hinter ihm.
»Le-fe-ve!« hauchte sie, und kaum brachte sie das Wort über die Lippen, aber der Fliehende hörte es und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz — »Le-fe-ve!« und er wandte den Kopf, ließ aber auch in dem nämlichen Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Händen fort und in die Büsche glitt, während das zürnende Weib mit geschwungener Wehr gegen den erschreckt Zurückfahrenden ansprang.
»Dieb!« schrie sie mit heiserer fast erstickter Stimme, »falscher schurkischer Dieb!« und wäre die schwache Hand gewohnt gewesen eine Waffe zu führen, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des Verräthers niederschmetterte, hätte für diesen keinen zweiten nöthig gemacht. Selbst so traf er den rechten Arm, den er schützend vorgestreckt, daß er kraftlos an seiner Seite niederfiel, und Lefévre wagte nicht dem zweiten Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden Auge der von ihm so schändlich verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angst, rücksichtslos wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder, zum Strand zurück.
Von dort aber stürmten indeß die Franzosen gleich nach dem ersten Schuß in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich indeß die Sachlage wesentlich verändert hatte.
»Sind wir Hunde?« schrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu kurzem, Athem verlangenden Waffenstillstand gegenüberstehenden Feinden zu — »daß Ihr uns so behandelt? — wir waren ein ruhiges Volk, wir wollten Frieden, aber Ihr laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in das innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!«
»Die Bestie droht noch!« schrie ein Soldat, »so, das für Dich, Du rothe Giftkröte!« und auf ihn anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und drückte ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei, das sie leicht streifte, und schlug in den hinter ihm stehenden Brodfruchtbaum. In demselben Augenblick hatte sich aber auch der alte Häuptling auf ihn geworfen, und ein kleines Handbeil hoch geschwungen in der Hand, traf er damit die Stirn des Unglücklichen daß er, mit dem Todesröcheln auf den Lippen leblos zusammenbrach.
»Nieder mit den Verräthern!« schrieen die Franzosen, »hierher Kameraden — hierher zu Hülfe!« und einzelne Schüsse fielen; aber aus dem benachbarten Orangendickicht, während eine Schaar von französischen Soldaten den Pfad heraufstürmte, brach ein dunkler Haufe von Eingebornen, nicht unbewaffnet, sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten Musketen in der Hand, und den Franzosen gerade gegenüber feuerten sie mitten hinein in den Schwarm, der sich also überrascht und bestürzt in der Flanke angegriffen sah. Der gellende Kriegsschrei tönte zugleich von den Lippen der Insulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet. Die Franzosen aber merkten jetzt wohl daß sie es in kurzer Zeit mit einem, ihnen weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen, während sie sich hier höchst leichtsinniger Weise zu weit von dem Strand entfernt hatten, und in dem dichten Gebüsch dem schlauen Gegner viel eher in die Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrückend, und jetzt nur auf Vertheidigung bedacht, feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab und zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt und die Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend, den Weg zurück den sie gekommen. Die Insulaner aber, voll Grimm und Wuth über das vergossene Blut der ihren, und durch den Rückzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen sich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche schwere Wunde wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzosen den offenen Strand wieder erreichten.
Hier von den ihrigen unterstützt, wollten sie einen neuen Angriff machen, theils die Insulaner zu züchtigen, theils einzelne ihrer Verwundeten, die sie hatten nach dem ersten Anprall zurücklassen müssen, zurück zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte welchem Schicksal, zu überlassen; aber das was sie fanden war mehr als Widerstand, es war der endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes, und mit dem alten Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen sich die Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit solcher Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer auf's Neue entgegen, daß dieser zuletzt in voller Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe zurückrudern mußte. Dieses eröffnete jetzt, da die eigenen Leute den Kugeln nicht mehr im Wege standen, ein unregelmäßiges aber von wenig Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei wieder in den Wald zurückzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen wirklichen Kampf zu beginnen, der sogar höchst unsicher schien da die Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen versehen waren, lichtete ihren Anker und suchte so rasch sie konnte wieder nach Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber jedenfalls höchst unwillkommene Nachricht von dem Aufstand der Insulaner zu bringen.