An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem ersten Kampf zwischen vierzig und fünfzig verloren, von denen sie nur einen Theil im Stande waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen; fast alle Todte und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde.

Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein Kriegsdampfer, und die Jeanne d'Arc mit den nöthigen Marinesoldaten abgeschickt, die Insurgenten zu züchtigen und zu zerstreuen, während die Eingebornen um Papetee, die noch rascher durch abgeschickte Läufer Kunde von dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls zu den Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden Schwärmen in der Nähe der jetzt vollständig befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen in Papetee wurde dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie mehre andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz kürzlich verlassen hatte, einen temporären Westwind benutzend, die Marquesas zu erreichen. Die Besatzung, durch das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küste verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur auf sich selber angewiesen, und war sich der Gefahr in der sie, einem wirklich ernsten Angriff der Eingeborenen gegenüber, schwebte, recht gut bewußt.


Capitel 10.
Der Abschied.

Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so mißliche geworden, daß René selber fürchtete außerhalb der Befestigungen, und in der That gerade in einem Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem Hauptsitz der Europäer und den Strecken lag, auf denen sich die Insulaner schon an zu sammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch jedenfalls Streifzüge gegen Papetee selber unternehmen würden. Welche Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee — Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebäude, das auf seinem Grundstück lag und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber was sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht gezwungen zu sein länger zwischen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen Umgang gezogen zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer ihr selber unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben sie zu wirklich entschlossener Weigerung, und sie fand einen Bundesgenossen der sie darin unterstützte in dem ehrwürdigen Mr. Nelson.

Dieser war längere Zeit unten in Papara gewesen, und ganz kürzlich erst wieder von da nach Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht fest bestimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem würdigen Mann ihr ganzes Herz ausgeschüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden fürchte, und in dem Geständniß, während sie sprach, und Worte fand für das, was ihr bis dahin still und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan, war es auch fast als ob sich Manches, was ihr bis dahin selber noch nicht klar gewesen und ihr mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfüllte, von selber löse und zu fester Form gestalte. Sie öffnete dem alten ehrwürdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erst selber wie dunkel doch die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der That noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und glücklich werden könne. René liebte sie noch wie in früherer Zeit, sein Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung rasch geöffnet, — nur der Verführung mußte er hier entzogen sein — nur erst wieder vergessen was er Alles aufgegeben für sie, dann würde auch Alles wieder gut wie in früherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange trüb gewesen — recht trüb und traurig.

Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war die Berufung des alten wackeren Missionairs Nelson nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte, der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der überhaupt jetzt Einer der leitenden Missionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Englischer Wallfischfänger, der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den Geistlichen der Inseln aufgefordert, erboten, den Missionair mit seinen Habseligkeiten an den neuen Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson kam jetzt Sadie und René den Vorschlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon die Versicherung erhalten daß man Bruder Ezra erlauben würde ihn zu begleiten, und zweifelte sogar nicht daran, auch vielleicht René seines Worts entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit wie Alles geordnet hatte, seine längst besprochene Uebersiedelung auszuführen. Günstigeren Zeitpunkt dazu gab es nicht für ihn, und verzögerte sich selbst jetzt noch, durch Französische Weitläufigkeit aufgehalten, seine Abreise, so wußte er nicht allein, wenn der Kampf hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, sondern er selber war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen sobald er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung entzogen.

Sadie erschrak anfänglich bei dem Gedanken sich von René, und wenn auch nur auf kurze Zeit, zu trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu sehn. Sollte — durfte sie den Gatten hier allein zurücklassen, wo ihm vielleicht noch Gefahr für seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete, für sein Leben drohte? Und allein nach Atiu zurückzukehren? — sie hatte sich das so ganz anders gedacht — so lieb und glücklich sich das ausgemalt wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr Kind am Herzen, von fern die ersten Kuppen der lieben Insel wieder erschauen würde — wenn die Thäler und Hänge dem Meer entstiegen — rechts und links das niedere Palmenbewachsene Land austräte von den Gebirgen, und höher und deutlicher würde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt — Ach sie seufzte recht schwer und schmerzlich auf wenn sie daran dachte, daß sie das Alles jetzt allein nur schauen sollte, wo die Freude über den Anblick doch das Bewußtsein halb ertödten müßte — er, durch den Dir die Plätze und Thäler ja so lieb gewesen, er der Dir dies Land ja erst zum Paradies geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt, muß er das Alles auch allein nur wiedersehn, und hat seine Sadie, hat sein Weib und Kind nicht bei sich, dem seligen Gefühle Wort und Laut zu geben.

Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch einen Ausweg nicht hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen aus der Nähe der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr niederblickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedürfniß stillen konnten und — mochten, ein Herz zu finden dem sie sich anschlösse, eine Brust in die sie ausschütten konnte was sie quäle, der sie zujubeln durfte was sie freue.

René sträubte sich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind vorausziehn zu lassen, so lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier aufsteigenden Gefahr enthoben zu sehn; er wußte aber auch recht gut, wie schwer es in jetziger Zeit sei eine so günstige Gelegenheit zu finden auf einem großen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch wollte er machen, von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten zu dürfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes Falles, bei dem sich die Französischen Behörden ganz besonders solche Mühe gaben, irgend etwas Gravirendes gegen die Protestantischen Geistlichen oder die auf der Insel überhaupt wohnenden Engländer zu finden, hatte sich nicht das Geringste herausgestellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht daß sein Ueberfall an dem Abend, René wußte selber nicht wie, bekannt geworden, und man ihm das gewissermaßen zum Vorwurf machte, es gegen die seine Untersuchung leitende Behörde verschwiegen zu haben. Anderseits sprach das aber wieder um so mehr für seine Unschuld, von dem beabsichtigten Verbrechen, verbotene Waffen auf die Insel zu führen, Nichts gewußt zu haben; was hätte den Insulanern sonst an seiner Person gelegen. Die Sache schien überhaupt keinen Erfolg zu versprechen und man wurde ihrer müde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten nach Atiu zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefängniß an Bord geschafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den geringsten Verkehr zu haben.