René ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung des Gouverneurs, diesem die Sache noch einmal, wie seine ganzen Verhältnisse vorzutragen, und ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei denn später seine Gegenwart wirklich noch einmal nöthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln stand, so lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre jeden Augenblick bereit gewesen sich zu stellen.
Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner Hoffnung getäuscht sehen; Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, sondern mit einer Dampf-Fregatte selber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im Bureau befindliche Secretair glaubte, daß der Oberbefehlshaber der Inseln wahrscheinlich eine Rundreise nach der benachbarten Gruppe hinübermachen wollte, da besonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls bedenkliche Nachrichten über den Zustand der dortigen Verhältnisse eingelaufen waren. Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache beschließen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat den jungen Mann nur noch höchstens zehn oder zwölf im allerlängsten Fall vierzehn Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder Bedingung zurück sein müßte, und dann der Entbindung von seinem Wort auch sicher nichts weiter im Wege stände, da er ihm die Beruhigung allerdings geben könne, daß sich der Gouverneur selber dahin geäußert habe die Untersuchung als trostlos fallen zu lassen. Nur einen definitiven Beschluß vermochte er selber nicht zu geben.
Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden mit dem, schon am nächsten Morgen zum Auslaufen bestimmten Wallfischfänger in See gehn zu können, beruhigte ihn doch aber auch so weit, daß seinem raschen Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn würde. Ohne Weiteres beschloß er nun aber auch in die Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem bequemen Wallfischfänger, dessen Capitain er gleich selber aufsuchte, zu willigen, besprach mit diesem das an Bordschaffen der verschiedenen Güter, das am nächsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte, wie denn Mr. Nelsons Effecten schon eingenommen waren, und schritt nun langsam nach Hause zurück, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er so manche frohe und glückliche Stunde verlebt, mit seiner Sadie zuzubringen.
Die letzte Nacht — es liegt ein eigener, wehmüthiger Zauber in dem Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz verlassen sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung des Worts bei selbst gleichgültigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns fortgesehnt haben mit aller Kraft unserer Seele. Wir drängten und trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt verlassen konnten, wo uns der Boden vielleicht schon Monate lang unter den Füßen gebrannt, und wenn wir fort dürfen, wenn die Welt frei und offen vor uns liegt, und die Schranken fielen, die uns bis dahin hielten, dann faßt uns ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches Gefühl von Weh und Reue fast die Brust — wir stehn und zögern, wenden uns zum Gehn, und der Fuß ist schwer geworden, der uns in Gedanken schon oft im Fluge weiter trug. Und frägst Du Dich warum? — zum letzten Male bewohn ich diesen Platz, sagst Du Dir leise — zum letzten Mal betret ich ihn vielleicht — dazwischen liegt die Ewigkeit, und der Gedanke an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem neuen Schritt schon wieder so viel mehr entgegen gehn, klopft und regt sich Dir in der Tiefe des Herzens, und mahnt und warnt, und Dein Zögern ist nicht mehr die Anhänglichkeit an den vielleicht verhaßten Platz — es ist die Furcht, die kaum gefühlte Scheu der Zukunft gegenüber.
Und wie viel stärker muß das Gefühl da sein, wo sich das Herz noch mit allen Fasern an die Erinnerung lieber Plätze klammert, und nicht loslassen will und mag, der ersten Forderung; was uns da fern liegt stößt uns noch zurück, und das Gewohnte, dem sich das Herz ja so gern zu eigen giebt, wahrt und behauptet seinen alten Raum.
In ernstem Schweigen blieb René stehn, als er den freien offenen Platz erreicht, von dem aus er die kleine friedliche Heimath, die er seit Jahren nun sein eigen genannt, überschauen konnte, und trübe schmerzliche Gedanken waren es, die ihm das Hirn durchzuckten. Manches Andere gesellte sich noch dazu — er war gealtert seit er sich einst hier angebaut, gealtert an Leib und Seele — und mehr noch an Seele wie an Leib. Und hatte sich Alles das erfüllt was er hier einst gehofft? — war das Wahrheit geworden, was ihm die Phantasie in seinem leichten Herz da vorgemalt mit bunten blitzenden, schimmernden Farben? bot ihm die Zukunft noch, was sie ihm einst in schöner Zeit versprochen? — doch fort, fort mit den Gedanken, die ihm die dunklen Zweifel durch die Seele jagten, fort — sein Leben lag vorgezeichnet mit klarer Schrift — für ihn gab es kein Abweichen von der geraden Bahn; weshalb das Herz da noch mishandeln erst und quälen.
Und als er noch so da stand und, erst die düsteren Geister gebannt, aus dem Schatz seiner Erinnerungen all die lieben seligen Bilder herauf beschwor; das Glück in dem er geschwelgt, den süßen Frieden den er hier gefunden, als ihn die ganze Welt zurück gestoßen und das Herz verschmäht das er ihr bot, da schoß das Blut ihm wieder auf in Wange und Stirn. Seine Augen belebten sich, seine Brust hob sich höher, freier — seine Lippen lächelten und jetzt? — der laute fröhliche Jubelruf des glücklichen spielenden Kindes traf sein Ohr; dort in die Winden umrankte Thür des freundlichen Häuschens trat sein Weib, das herzige Mädchen auf dem Arm, auszuschaun nach dem so lange bleibenden bösen Vater, und mit einem Satz war er drüben, über der Einfriedigung, hatte sein treues Weib umfaßt und an sein Herz gedrückt, das sich an ihn schmiegende Kind auf dem Arm, und die Stunden verflogen dem Glücklichen wie in alter Zeit.
Jetzt erzählte René auch der, darüber fast wieder traurig werdenden Frau, von der Verabredung die er mit dem Capitain getroffen, und wie der Gouverneur den lächerlichen Proceß wolle fallen lassen, wegen dem Mord der Schildwacht, bei dem er ja doch wahrlich nicht betheiligt gewesen, so daß er nun gleich nachfolgen könne, sobald Jener zurückgekehrt — und lange durfte er ja gar nicht wegbleiben, wie jetzt die Sachen standen, und jeder Tag den Aufstand bis dicht nach Papetee zu bringen vermochte.
So sollte denn Sadie morgen endlich zurück kehren nach ihrem lieben Atiu, und bis sie dort Alles mit Mr. Nelsons und des kleinen Mitonare Hülfe in Ordnung gebracht, konnte René auch schon wieder eine Gelegenheit gefunden haben nachzukommen — die wenigen Tage oder selbst Wochen gingen rasch vorüber. Und Sadie lachte und jubelte, und war wieder ganz das fröhliche heitere Kind der Palmeninsel, und die Kleine schrie und jauchzte vor lauter Lust, als sie die Mutter so lachen sah und fröhlich sein.
Den Abend plauderten sie noch bis spät in die Nacht hinein und am anderen Morgen, als Sadie traurig werden wollte daß es nun bald an den Abschied ging, hatte sie so viel zu thun, daß sie gar nicht Zeit bekam daran zu denken, und die Boote wohl eine halbe Stunde liegen und warten mußten bis Alles zusammengerollt und eingeschnürt zum niedertragen fertig lag. Nur das Nothdürftigste behielt René zurück, jetzt durch so wenig als möglich belästigt zu bleiben, und das Wenige dann mitzubringen, wenn er selber käme.