Um zehn Uhr, wenn die Landbrise ordentlich einsetzte, sollte das Boot wieder da sein, und Frau und Kind gleich von hier aus, wenn der Wallfischfänger in Sicht käme, hinaus in See und an Bord bringen.
Eben waren die Boote mit dem Gepäck abgefahren und um die nächste Landspitze verschwunden, und René und Sadie standen noch und schauten ihnen nach, denn es war fast als ob sie sich scheuten nach dem leeren Haus zurück zu gehn, da hörten sie Schritte hinter sich und Sadie stieß einen leisen Angstschrei aus, während sich Renés Brauen finster und drohend zusammenzogen, als durch den Garten zu ihnen nieder die lange düstere Gestalt des Missionairs Rowe feierlich und ernst herunter schritt, und unbekümmert um den wohl nicht ganz herzlichen Empfang, die beiden jungen Leute mit einem frommen Blick nach oben und vorgestreckten, nach unten gedrehten Händen, wie segnend grüßte. Seine Lippen lispelten dazu ein leises Gebet, und der tief aus innerster Brust geholte Seufzer, der das kaum hörbar geflüsterte Amen begleitete, verrieth das Mitgefühl, das sein Herz bewegte bei den Leiden derer, die um ihn her sündigten und litten.
»Und welchem glücklichen Zufall habe ich die Ehre dieses in der That unerwarteten Besuchs zu danken?« sagte René kalt, als der Geistliche noch einige Schritte auf sie zu kam, und dann dicht vor ihnen stehen blieb, ohne jedoch irgend ein Wort als sonstigen Gruß oder Anrede zu sagen; »oder hat Mr. Rowe sich im Haus geirrt und ist, das wahrscheinlichere, ein paar Thüren zu weit gegangen, wo er dann freilich mitten hinein ist gerathen in die »papistischen Gräuel« und den »Baalsdienst«.
»René« bat Sadie, und drückte leise und bittend des Gatten Arm, aber das Herz war ihr selber fast wie zugeschnürt, denn jedem entscheidenden Schritt ihres Lebens voran, trat ihr der Mann entgegen so ernst und finster wie er jetzt da vor ihr stand; und hatte nicht immer sein Kommen ihr Leid gebracht, und viele viele Thränen? Wie eine dunkle Ahnung, der sie nicht Worte geben konnte und wollte, füllte ihr sein Anblick die Brust, das Herz in dieser Stunde, und sie mußte sich zwingen den leisen Gruß auch freundlich zu erwiedern. Aber der Geistliche verlangte weder Gruß noch Freundes Wort; nein, aus sich selber heraus quoll ihm des heiligen Wortes Spruch und Vers mit der salbungsvollen Rede, die Trost und Frieden in ihrem Aeußeren in Wort und Bild wohl brachte, aber das Herz kalt ließ dabei und unbefriedigt.
»Nicht Zufall, mein Bruder, oder ein Irrthum gar, hat mich auf Deine Schwelle geführt« erwiederte Bruder Rowe jetzt der etwas frostigen Anrede des Katholiken, »aber Du und die Gattin die Du Dir erwählt, Ihr Beide steht an einem Abschnitt Eures Lebens, an dem Euch das fromme Wort eines Mannes, der es gut und redlich mit Euch meint, nicht fehlen sollte.«
»Herr Rowe ich dächte daß Sie mir davon den Beweis gegeben« unterbrach ihn rasch René, der sich nicht helfen konnte dem Gedächtniß des Geistlichen mit früherer Zeit zu Hülfe zu kommen, ihn vielleicht in Verlegenheit zu bringen; darin aber hatte er sich bei dem frommen Mann geirrt.
»Lasset die Zeit die hinter uns liegt und hebet Euer Auge zu Gott und Seinen Werken« sagte er ernst und feierlich, aber keineswegs erzürnt über die finstere Mahnung des jungen Mannes. »Was ich gethan und wie ich gehandelt liegt offen vor Gott; Er nur prüfet die Herzen und Nieren, und siehe da, vor Seinem Auge ist kein Verbergen noch Hehl. Seine Wege sind aber wunderbar, und Er führet Alles zum Besten hinaus, und Ihm deshalb sei Ehre und Preis in der Höhe; unsere Herzen sollen da nicht hochmüthig selber richten wollen.«
René wollte reden, aber der leise Druck von Sadieens Hand lag bittend auf seinem Arm, und er biß nur die Unterlippe ein und wandte sich halb ab von dem Geistlichen; er wollte sich die Abschiedsstunde nicht verbittern, und dann auch wieder lag eine Art halben Triumphs für ihn darin, wie er jetzt dem, dieser Verbindung so feindlich gesinnt gewesenen Priester gegenüber stand. Mr. Rowe übrigens, unbekümmert um Alles was in der Brust des Franzosen, dessen Gesinnung gegen ihn er vollkommen gut begriff, vorgehn mochte, schritt auf Sadie zu, nahm die Hand der jungen Frau die sie ihm widerstandlos und zitternd überließ und mit den Worten — »lasset uns beten, daß Gott sein Gedeihen gebe zu dieser Reise und seinen Segen Dir schenke, meine Tochter, für und für«, führte er die etwas erstaunte Frau von der Seite ihres Gatten fort in das Haus, dort, wie er ihr sagte, ungestört ihre Augen und Herzen zu Gott erheben zu können.
René blieb wirklich erstaunt über diese fabelhafte Ruhe — und er hatte noch einen anderen Namen dafür — zurück, und sah ihnen nach, dann aber mit dem Kopf schüttelnd und halb lachend, halb ärgerlich nahm er sein Kind auf den Arm und sprang und spielte damit am Strand herum, die Rückkunft des frommen Mannes mit seinem Weib zu erwarten.
»Eine Zuversichtlichkeit haben die Burschen« murmelte er dabei vor sich hin, indem er zuletzt ungeduldig werdend am Strande auf und ab ging, und durch die rasche Bewegung seinen Unmuth zu beschwichtigen suchte, »ein Selbstvertrauen das in's Graue geht; und mit dem frommen Gesicht tritt mir der Mensch da keck und salbungsvoll entgegen, und thut wahrhaftig nicht als ob er sich schämen müsse mir in's Auge zu sehn, nein, als ob er mir verziehen hätte, Alles was ich ihm gethan und an ihm verschuldet. Hahahaha, es ist wahrhaftig zum Todtschießen solche Fragezeichen der Schöpfung unter uns herumlaufen und ganz bescheiden sich die Krone des Menschengeschlechts aufsetzen zu sehn. Es gehört aber Geduld dazu, und verdenken kann ich's meinen Landsleuten gerade nicht, wenn sie die in diesen Tagen einmal darüber verlieren und mit Kanonenkugeln hinein donnern in den Kram. Und wer leidet nachher darunter? sicher nicht diese Schleicher, die sich wohlweislich einzudrücken verstehn und mit einem frommen dankbaren Blick nach oben Nachbars Haus darüber zu Grunde gehn sehn — hol' sie Alle der Henker. — Und wo er nur bleibt?« — setzte er dann nach einer Pause, mit einem ungeduldigen finsteren Blick nach seiner Thür hinzu — »es gehört bei Gott die Geduld eines Heiligen dazu, mit diesen — Heiligen fertig zu werden.«