Mr. Rowe mochte aber wohl ahnen, ja er wußte das sogar ganz genau, wie gern ihn der Franzose bei sich sah, hielt es aber für unumgänglich nothwendig, seinen Halt an das Herz und die Religion der Frau nicht ganz aufzugeben, und hatte schon lange und ungeduldig eine Gelegenheit gesucht, mit dem ihm, nicht gerade zum Dank verpflichteten Katholiken wieder auf etwas freundschaftlichere Weise anzuknüpfen; jedenfalls aber eine Entschuldigung zu finden sein Haus in seiner Gegenwart zu besuchen, um dann weiter zu bauen auf dem gewonnenen Vortheil. Der Zeitpunkt war ein Abschied von Tahiti, wie er sich vielleicht nicht wieder bot, und der Erfolg bewies daß er recht gehabt; misbrauchen durfte er das aber auch nicht, wenn er den errungenen Vortheil nicht wieder verlieren wollte, und deshalb das Gebet vielleicht rascher beendend, als er es unter anderen Umständen gethan haben würde, erhob er sich wieder, stäubte sich die Knie ab, küßte Sadie inbrünstig auf die Stirn, legte seine Hände einen Augenblick auf ihr Haupt und führte sie dann wieder mit einem freudigen Blick nach oben dem Gatten zu, der ihnen schon an der Thür entgegen kam, Sadiens Arm erfaßte und in den Seinen zog, und dann den Geistlichen ansah, als ob er seiner Entfernung nicht das mindeste in den Weg zu legen wünsche.

Bruder Rowe war aber auch nicht der Mann, der einen Ort verlassen hätte ehe er es selber für Zeit hielt, und ohne jedenfalls den Samen des göttlichen Wortes nach Kräften ausgestreut zu haben; fiel der dann auf unfruchtbares Land, so war das nicht seine Schuld, und er hatte sich selber keine Vorwürfe darüber zu machen. In einer ziemlich langen Anrede, die halb Gebet halb Unterhaltung war, wandte er sich dann noch einmal an den jungen Mann, der nur die Frau nicht kränken mochte und sonst dem für ihn höchst langweiligen Gespräch wohl bald ein Ende gemacht hätte, ermahnte ihn auf der beschrittenen Bahn des Guten, die er hier auf Tahiti, als eine schätzenswerthe Ausnahme von seinen Landsleuten jedenfalls betreten, ruhig fortzuschreiten, wobei nur Gott ihm in seiner Allbarmherzigkeit die eine schwere Missethat des Mordes verzeihen wolle, und verkündigte ihm dann, als er merkte wie René jetzt wirklich ungeduldig wurde und schon den Mund öffnete zum trotzigen Einwurf, daß er dafür gesorgt habe ihre alte früher innegehabte Wohnung in Atiu wieder für sie herrichten zu lassen; daß das Dach neu gedeckt, das Haus gereinigt und gelüftet sei — eine nicht ganz unnöthige Vorsicht des sonst sehr leicht darin nistenden Ungeziefers der Centipeden wegen — und daß es Sadie nach ihrer Ankunft dort gleich beziehen könne, als ob sie es nie verlassen habe.

»Das Haus uns hergestellt?« rief René allerdings im höchsten unbegrenzten Erstaunen, da er erst gestern Abend ja den Entschluß gefaßt, und Wochen dazu gehört haben mußten das anzuordnen und auszuführen — »und wer, mein Herr, hat Sie darum gebeten?«

»Aber René« beschwor ihn seine Frau.

»Gebeten? — Niemand —« erwiederte jedoch in voller Ruhe der Geistliche, »aus freiem Antrieb hab' ich das gethan. Seit jener Nacht« fuhr er dann mit einem wehmuthvollen Blick nach oben fort, »wo jene fatale Sache mit der Französischen Schildwacht hier geschah, wußt' ich daß es sowohl Ihr, wie besonders Prudentias Wunsch war, sich wieder zurück nach Atiu zu ziehn. Es war das Beste auch für sie, sie konnte dort ungestörter ihrem Gotte leben, nicht abgelenkt durch sünd'gen Wandel mehr, und alle Reize der Verführung die hier in Papetee des Satans Macht zu gold'nem Netze auslegt — es war die höchste Zeit für sie, zurückzukehren zu dem stillen Frieden jener Insel die ihre Heimath nun doch einmal ist.«

Renés Blut kochte, denn recht gut fühlte er, wie der Geistliche zum ersten Mal wieder die Hand ausgestreckt, in sein Familienleben einzugreifen, und wie er jetzt gleich entschieden auftreten müsse, ihn von allen derartigen Versuchen zurückzuschrecken. Sadie dagegen sah in dem freundlichem Wort, ihr Herz ja selber kein anderes Gefühl bergend, nur Liebe und Versöhnung, und mit Freude strahlenden Blicken die Hand des Geistlichen ergreifend, drückte sie diese in frommer dankbarer Inbrunst an ihre Lippen, René aber, ihren Arm erfassend, zog sie zurück und sagte finster:

»Laß das Sadie; der Herr da meint's vielleicht recht gut, und ich will gern Vergangenes auch vergessen, doch damit, hochwürdiger Herr hab' ich auch Alles gethan was ich vermag, und muß Sie ernstlich bitten sich nicht um irgend etwas mehr zu kümmern, was mich, Sadie oder mein Haus betrifft.«

»Herr Delavigne« rief der Geistliche auffahrend, und ein Blitz aus seinem kleinen lebendig grauen Auge traf den Franzosen in nichts weniger als christlicher Demuth — »Sie gehn zu weit — Prudentia ist Protestantin, und ihrer Seele Heil fordert der Herr einstens vielleicht von mir.«

Ein spöttisches Lächeln zuckte um des Franzosen Lippe als er erwiederte: »Genug und über genug, ich habe keine Lust mich jetzt noch in religiöse Spitzfindigkeiten einzulassen; Sie wissen daß Sadie mich bald verläßt und Manches hat sie mir wohl noch zu sagen, Manches ich ihr — ich hoffe doch Sie werden mich verstehen.«

»René« bat die Frau mit leiser flehender Stimme.