»Neige Dein Ohr Allmächtiger« flehte die Frau, inbrünstig seine Hand fassend und die Augen zur Decke erhebend, »verwirf mich nicht von Deinem Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. — Tröste mich wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geist enthalte mich — denn ich will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu Dir bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.«

»Komm, komm Sadie« sagte aber René ihr leise doch entschlossen seine Hand entziehend, »das ist genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig. Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich will dann suchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist schwül und heiß geworden bei Deinen Reden.«

Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst weitern Abschied von ihr oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Straße nach Papetee hinunter.

Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß und brünstig für den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei daß René zurück — reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am Thron des Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das Verbrechen; aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und ließ ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr daß er den Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über ihn zu wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen Hafen zu.

Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch größtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wußten auch, daß sich in Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten dessen Zeuge — ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer und Mitwirkende sein.

Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der zwischen Pomare und Du Petit Thouars stattgehabten Unterredung bald, wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend bekannt geworden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die Berge zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich zu kommen.

Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand versammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der Insel herzuströmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der fremden Kriegsschiffe, der Französischen wie der Englischen Catch Basilisk die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt, die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschuß war vom Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne daß irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die Flagge geschehen wäre, denn der Admiral Du Petit Thouars hatte während der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist für Pomare bis zum Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er außerdem nach allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen mochte; wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen werden würde.

Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen mit dem Englischen Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklärung für ihre Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und Du Petit Thouars durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum Aeußersten treiben wolle der Französischen Macht zu trotzen, und den früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu verleugnen.

Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden, und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen von den Schiffen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten bei ihren Geschützen ständen.

Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden überschritten haben, als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlaßt werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so trefflichen Schatten boten; er hatte Du Petit Thouars sowohl wie Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Häusern Pomares wie einzelner Häuptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug.