Capitel 4.
Die Conferenz.
So gleichgültig die Insulaner, wenigstens scheinbar, die im letzten Capitel beschriebenen Vorgänge aufgenommen hatten, und so theilnahmlos sie der Entehrung ihrer Flagge, als etwas höchst Unwesentlichem zugesehn, so viel gewaltigere Aufregung rief es im Lager der Missionaire hervor, die einen entscheidenden Schritt Frankreichs wohl schon lange gefürchtet, aber doch nicht so schroff auftretend erwartet haben mochten. Das Zurückziehn der Englischen Fregatten war zu gleicher Zeit eine ihnen wohl verständliche, und für sie höchst unglückselige Demonstration, denn es bewies etwas, das in geradem Widerspruch mit den freundlichen und ermuthigenden Versprechungen des Englischen Ministeriums stand, und wovon die Französischen Fregatten schon jedenfalls Kenntniß haben mußten: daß nämlich England keineswegs gewillt sei dieses kleinen Inselreichs wegen einen Krieg mit Frankreich zu beginnen, sondern Tahiti und seine Königin dem Protektorat — man konnte ihm nicht mehr gut den Namen einer Entdeckung geben und wünschte doch derselben Erfolg — des Nachbarstaates überließ.
Das aber hieß dem Protestantismus den Boden unter den Füßen fortnehmen, denn die Franzosen brauchten jetzt nur Gleiches mit Gleichem zu vergelten, so packten sie die evangelischen Geistlichen auf ihre oder andere Schiffe und schickten sie, gleichviel wohin, nur fort von ihren Besitzungen. Aber das nicht allein; schon der Gleichberechtigung der anderen Confession hatten sie von frühster Zeit an mit allen Kräften entgegengearbeitet. Die katholische Religion sprach weit mehr zu den Sinnen, als das kalte protestantische Wesen der Geistlichkeit, jene erregte die Phantasie, diese ertödtete Alles mit ihrer nackten Unerquicklichkeit, nur in starrer Strenge den Glauben fordernd für das Unbegreifliche. Auch mehr Freiheit ließen die Katholiken den fröhlichen Kindern dieser glücklichen Zone, die nun einmal das unglückselige Vorurtheil hatten, daß Gott ihnen diese wunderschöne Welt auch zum Genuß geboten, die nicht begreifen konnten oder wollten daß der Palmenhain ihnen nicht zum Tanzen und Lachen, sondern zum Büßen und Beten so prachtvoll aufgerichtet sei, und das Herz frevle, das auf andere Weise zu seinem Gott bete, als sie es lehrten.
Der Erfolg den die Katholiken dabei schon auf den Sandwichsinseln gehabt hatte sie lange vorsichtig gemacht, und mußte ihnen jetzt die schwersten und begründetsten Befürchtungen aufdringen. Mit dem »Dublin« waren deshalb auch schon die dringendsten Aufrufe und Nothschreie an die Missionsgesellschaften in England erlassen, zuerst beim Ministerium, dann aber auch bei dem Englischen Volk Hülfe für die »Prediger in der Wüste« und ihre Gemeinden zu fordern, während bei der jetzigen entschieden feindlichen Handlung der Papisten allerdings die Hoffnung da war, daß das schwankende Ministerium eine entschiedenere Handlung den Uebergriffen Französischer Seeleute gegenüber, einnehmen würde. Hinhalten mußten sie deshalb hier vor allen Dingen die Entscheidung, die unbedingte Unterwerfung der Insulaner, aber das nicht allein, sie mußten auch Beweise, sprechende schlagende Beweise bringen, daß die Eingeborenen der Südsee das Französische Joch so sehr verabscheuten, wie sie sich nach der Englischen Mutterkirche sehnten, und daß sie bereit und entschlossen wären, wenn England die ihnen durch die Missionaire im Vertrauen auf das Englische Volk versprochene Hülfe nicht senden sollte, ihr Gut und Blut und Leben einzusetzen, die Unabhängigkeit ihrer Nation sowohl wie ihrer Seelen, zu erhalten.
Beides ließ sich zu gleicher Zeit durch augenblicklichen Widerstand — nicht allein mit machtlosen Protestationen eines Consuls, sondern durch Waffengewalt, erreichen, und war das Volk nur im Stand dem Feind so lange die Stirn zu bieten, bis die Berichte seiner Religionskämpfe nach England gelangen konnten, so zweifelten wenige der frommen Männer daran, daß England, gerührt durch solche Anhänglichkeit an den christlichen Glauben, auch ein Machtwort sprechen und schon dadurch die Feinde ihrer Flagge wie Spreu vor dem Winde zerstieben würde.
Hierbei hatten sie jedoch mit zwei nicht unbedeutenden Hindernissen zu kämpfen; zuerst mit der entsetzlichen Gleichgültigkeit der Indianer in allem was nicht zum täglichen Leben gehörte, und sie etwa gezwungen hätte irgend eine harte Arbeit zu thun, der sich ihre Theilnahmlosigkeit für die christliche Kirche paarte, und dann mit dem Mangel an Waffen, dem allerdings schon unter der Hand bedeutend abgeholfen war, aber doch jetzt nicht so ganz und auf einmal begegnet werden konnte.
Das erste mochte irgend eine glückliche Gelegenheit von selber heben; der Uebermuth der Franzosen, die nirgend Widerstand fanden, und das schöne Land schon fast in Händen zu haben glaubten, gab leicht die Gelegenheit dazu, aber dem zweiten Uebelstand mußte durch andere Mittel abgeholfen werden, und diese durfte man unter keiner Bedingung länger als nöthig hinausschieben.
Der nächste Ort Waffen zu bekommen war Valparaiso, nach ihm Sydney, und nach beiden Häfen hatten umsichtige Amerikaner schon vor längerer Zeit Fahrzeuge abgesandt, dort aufzukaufen was sie bekommen könnten, und so rasch als möglich damit zurückzukehren. Die Schiffe aber durfte man selbst mit dem günstigsten Winde noch nicht zurückerwarten, und es blieb dann noch immer die Frage, wie die Ladung unter den jetzigen Verhältnissen würde an Land zu bringen sein, wo die Franzosen sicherlich Alles thaten solche, und ihnen die gefährlichste, Zufuhr zu verhindern.
Mr. Noughton, der Amerikanische Kaufmann, hatte aber auch noch andere Verbindungen, und wenn er sich auch nicht gerade übergern mit solchen Sachen einließ, doch zu viel kaufmännischen und speculativen Geist sich ein gutes Geschäft durch die Finger schlüpfen zu lassen, wenn er es eben dazwischen halten konnte. Er selber stand mit den Protestantischen Geistlichen auf sehr vertrautem Fuß, und durch diese auch mit den Protestantischen Häuptlingen, wie ihm denn überhaupt nichts mehr verhaßt war, als das Französische und dadurch Katholische Regiment. Daß er mit den einzelnen dort angesiedelten Franzosen auf freundschaftlichem, wenigstens gesellschaftlichem Fuße stand, war die Schuld der Handelsinteressen, die er nie aus den Augen ließ — selbst nicht in der Kirche.