»Fehlt Ihnen etwas?« frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument aufspringend.

»Nein — ja —« stammelte René — »schon zu lange bin ich hier gewesen — die beängstigende Luft — die späte Stunde — ich muß fort — Sadie auch ängstigt sich um mich.«

»Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben,« sagte mit komischem Aerger Madame Belard — »ich hatte nun so fest auf Sie heute Abend gerechnet.«

Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte ihn nur mehr darin aufzubrechen — »Ich muß fort« sagte er bestimmt.

»Sie haben recht« unterstützte ihn aber auch jetzt darin Susanna, »Sadie muß sich ängstigen, wenn Sie noch länger auf sich warten lassen; aber dürfen wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? — wenn Sie nun wieder einen Anfall jener Schwäche —«

René dankte ihr der Sorge wegen, die sie um ihn trug, wies aber jede Angst um sich, lächelnd ab. Er fühlte sich, seiner Aussage nach, wieder vollkommen wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und mit kurzem, fast verstörtem Gruß verließ er die Frauen, das Haus, und schritt hinaus in die dunkle, kühle, sterndurchschimmerte Nacht.

Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach sich hier die Bahn — »Sadie — mein armes, armes Weib« flüsterten seine Lippen, während die Hände fest sich preßten auf das Herz — »armes, verrathenes Kind — Nein, nein,« rief er aber rasch und heftig aus — »noch ist es nicht zu spät, noch bin ich Dein — noch hab' ich die Kraft in mir das fremde Bild aus meiner Brust zu reißen, in die es, Gott nur weiß wie, die Bahn gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast keine Klage gehabt für mich, nur stille leise Thränen, und jede von den Thränen die ich verschuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein trautes liebes Weib — Sadie!« —

Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die seine Schritte beflügelte und ihn heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der freien Luft, frisch und frei um das reugequälte Herz, und als er seine Sinne der Außenwelt wieder zuwandte, und das Rauschen hörte der wehenden Palmen, das Flüstern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm fast als ob ein böser, entsetzlicher Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und des trauten Weibes Bild, wie es sorgend und liebend daheim saß mit dem Kind, seiner kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, kräftiger Gewalt in seiner Seele auf.

Mit flüchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch lange nicht folgen konnten, und fast keine Schwäche mehr fühlend, eilte er der stillen Heimath zu, und als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr Köpfchen, selig in dem Bewußtsein daß er zu ihr zurückgekehrt — sie noch liebe und nicht verlassen habe, an seine Brust legte, und kein Vorwurf über ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm nur voll von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er sie an sein Herz, bedeckte ihre Stirn und Lippen mit seinen heißen Küssen und nun erst weinend, aber in einem Uebermaß von Glück, schlang Sadie ihren Arm um ihn, als er sie sein Weib, seine kleine süße Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten fröhlichen Muthes zu sein, denn in den nächsten Tagen, in acht, sechs, vier, ja vielleicht morgen schon, wollten sie Tahiti ja wieder verlassen und hinüberziehn nach dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer Liebe, ihres Glücks — zurück nach Atiu.

»Nach Atiu« war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender Lust lag sie an des Gatten Brust und weinte laut.