»Bruder Ezra hat mich begleitet« sagte der Missionair ohne direkt auf ihre Frage zu erwiedern — »denn der jetzigen inhaltschweren Verhältnisse wegen ist eine Zusammenkunft von allen solchen Männern wenigstens nöthig geworden, die irgend eine vorragende Stellung auf den verschiedenen Inseln einnehmen, dort etwa auftauchendem Französischem Einfluß zu begegnen. Die Mutterkirche in England scheint theilnahmlos unserem Kampfe zuschauen zu wollen, und wir müssen ihr jetzt zeigen über welche Kräfte wir zu gebieten haben, und ob nur einige wenige, der christlichen Religion gewonnene Häuptlinge ihren Schutz verlangten, oder ein starkes zahlreiches Volk, das ein Recht hat, ihre Hülfe zu beanspruchen.«
»Mi-to-na-re« flüsterte die junge Frau, unter Thränen lächelnd leise vor sich hin — »Mi-to-na-re.«
»Ja Prudentia — dort allerdings war eine schöne Zeit für Dich« sagte der Geistliche, mit ernster Theilnahme den Faden auffassend, der an ihre Erinnerung knüpfte — »und Gottes Hand lag liebend auf Deiner Heimath, seinen Segen spendend zu jeder Stunde die mit Glück und heiliger Ruhe Deine Brust erfüllte. Keine Reue über eine einzige verfehlte Stunde — keine Furcht vor einem einstigen Strafgericht erfüllte da Dein Herz — der aufkeimenden Sünde wehrten die Männer, die ihre Lieben daheim, ihr Vaterland verlassen hatten, Dich und die Deinen einem ewigen Leben einer einstigen Glückseligkeit zu gewinnen, indem sie die heidnischen Gräuel zerstörten, die diese Wälder und die Herzen ihrer Bewohner füllten, und Gottes Vaterhuld spannte seinen blauen Himmelsdom liebend über ein glückliches Land. Da kam der Versucher und Du erlagst.«
»Ehrwürdiger Vater« bat Sadie.
»Fürchte nicht, mein Kind, daß ich in dieser Stunde gekommen bin Dir Vorwürfe zu machen über Vergangenes; es ist geschehen — ich streckte meine Hand aus Dich zu retten, aber Du stießest sie zurück, und wenn ich Dich auch, durch die Verhältnisse gezwungen, eine Zeitlang Deinem Schicksal überlassen mußte, habe ich Dich doch nicht einen Tag nur aus den Augen verloren Prudentia, und keineswegs die Hoffnung aufgegeben, Deine Seele ihrem Erlöser zu retten — ja ich fürchte fast, wieder zu gewinnen.«
»Aber was kann ich — darf ich thun?« frug Sadie in peinlicher Angst — »meinem Gatten gehört mein Leben, mein Glück — selbst unsere Religion gebietet uns ihm zu gehorchen.«
»Willst Du seinen Leib oder seine Seele retten?« frug der Priester mit finsterer, fast tonloser Stimme.
»Seinen Leib?« rief Sadie — der mit Blitzesschnelle der neue Gedanke an Gefahr des Gatten durch die Seele zuckte — »seinen Leib? was droht ihm? — was soll ich retten — o sprecht um des Heilands Willen, was ist geschehen?«
»Thörichtes Kind« sagte aber der fromme Mann kopfschüttelnd und seufzend auf sie nieder schauend — »thörichtes blindes Kind, das hoffend und träumend, in sündhafter Sorglosigkeit in die Welt hineingelebt hat, und die wetterschwangere Wolke, die droben furchtbar am Himmel droht, nicht sieht — oder nicht sehen will. Nicht von dem Einzelnen spreche ich, der leichtsinnig die Rache seines Gottes herausfordert durch verstocktes Anhängen am Götzendienst, mit dem sich die Frevler hier Bahn gebrochen haben durch der Waffen Gewalt — nicht der Einzelne ist es, der den strafenden Schlag des Allmächtigen zu fürchten hat — »Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen,« spricht der Herr — »und mein Schwert soll Fleisch fressen über dem Blut der Erschlagenen, und über dem Gefängniß und über dem entblößten Haupt des Feindes. — Jauchzet Alle, die Ihr sein Volk seid, denn er wird das Blut seiner Knechte rächen und wird sich an seinen Feinden rächen und gnädig sein dem Lande seines Volks — Nun will ich mich aufmachen spricht der Herr — nun will ich mich erheben, nun will ich hoch kommen, denn die Völker werden zu Kalk verbrannt werden, wie man abgehauene Dornen mit Feuer ansteckt — Und der Herr ist zornig über alle Heiden, und grimmig über Alles ihr Herr — er wird sie verbannen und zum Schlachten überantworten und ihre Erschlagenen werden hingeworfen werden daß der Gestank von ihren Leichnamen aufgehen wird, und die Berge mit ihrem Blut fließen.«
»Allerbarmer!« rief Sadie und barg zusammenschaudernd ihr Antlitz in den Händen, dem furchtbaren Bilde zu entgehen, das der finstere Mann vor ihr heraufbeschworen.