Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu verbergen suchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute, wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen müsse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen, und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine Flagge? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den Muth hatte sie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit gedenken zu können, und mit der Angst um René, was er thun, was er sagen würde wenn er erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen Männer nicht feige die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten. Und der Erfolg? — sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entschlossener Männer, nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren Feinde die Spitze bieten. — Aber Blut — Blut sollte in diesen Thälern fließen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestört geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für so Viele.

Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und die selber fürchtete, wenn er sich Männer wie Bruder Aue und manche Andere dabei als leitende herrschende Wesen dachte — den kleinen friedlichen Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten — sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen.

»Aber Mitonare« sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthümliches ängstliches Gefühl beklemmte ihr die Brust — »wenn die Männer zu den Waffen greifen, haben sie recht — die jungen Leute eines Stammes haben ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen entrissen, so können sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so vollständig erfüllen. Anders ist es jedoch mit den Lehrern eines Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe selber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen diese das Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem Bruder in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die, die Dich angegriffen haben? — ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine thörichte Frau, die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und Befürchtungen quält, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich weiß nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater Osborne hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt daß wir unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen sollten.«

»Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land weggenommen,« rief der Mitonare schnell — »Religion — ja das ist Alles recht schön und gut — Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem auch die Religion Nichts.«

Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an — sprach das der kleine gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre im Stande gewesen, eine so merkwürdige gewaltige Veränderung mit seinem ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?

»Mi-to-na-re!« rief sie bittend.

»Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind« sagte der kleine Mann gerührt, denn in dem einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit — »Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht anders, man würde nur klug, wenn man das Alles einsähe, und das ist auch wohl vielleicht recht hübsch und nothwendig — aber glücklich wird man nun einmal nicht dabei.«

»Und wir waren glücklich auf Atiu« sagte Sadie, in stiller Wehmuth seine Hand ergreifend.

»Ja« flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geist kam wieder über ihn — »recht glücklich waren wir — bis die Wi-Wis kamen — nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen — bis die anderen Priester kamen und uns sagten daß wir unsere alten Götter umsonst verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten daß wir auch ohne das hätten selig werden können, und nun nur beten müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch wieder in alten Weg zurückgeführt hatte — es ist doch nicht mehr so wie früher, wir sind älter geworden und — ha — was war das? — Jemand ist an der Thüre.«

»Das wird René sein« rief Sadie.