So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten, und so gelassen sie der, vor ihren Augen geschehenen Occupation zugesehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres ersten Missionairs gestört werden konnte, so heftig erschütterte dagegen das Gerücht: Pomare hat fliehen müssen vor den Feranis, jedes Gemüth, und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flüchtete in die Berge, ihrer Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu rüsten. Halb Papetee stand einsam und verlassen, während die Eroberer, damit gar nicht unzufrieden, Besitz von den geräumten Häusern nahmen, und sie theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten, zugleich aber auch mit vereinten Kräften daran gingen den Wall und Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen, wie überhaupt Alles zu thun, was sie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen eine Ueberzahl der Feinde schützen konnte.
Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig — kein wirklicher Ueberfall geschah, ja die einzelnen Franzosen die sich hie und da noch immer sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belästigt noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren Blicke der Männer deutlich genug verriethen, wie gern sie hier gesehn wurden.
Capitel 9.
Der erste Kampf.
Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten der Franzosen lief aber auch, wenn es selbst die Bewohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze Insel, und das Volk fing jetzt zum ersten Mal an einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge eigentlich bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das Bündniß mit den Häuptlingen schloß, und seine Priester ihnen herüberbrachte. Dumpfe Gerüchte folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde sich aller ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's geschafft werden sollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran gedacht hatte zu rüsten, begann es jetzt. Waffen tauchten überall auf, Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den einzeln zwischen ihnen zerstreuten Europäern gelernt und geübt, und ein Eifer zeigte sich plötzlich in der Bevölkerung, eine Regsamkeit, die einen ernsten Widerstand, selbst unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als eine Unmöglichkeit erscheinen ließ. Nur an einem wirklich thätigen Grund zum Beginn fehlte es noch, einem ersten Ausschlagen irgend einer Parthei; das Geschütz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu entzünden, und wie sich die Völker jetzt entgegenstanden, konnte das nicht lange auf sich warten lassen.
Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der frühere Sabbath der Bewohner von Tahiti) Nachmittag — und Bruder Dennis hatte an diesem Tage Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses freundlichen Distrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz wirklicher Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch sie gleichgültig an sich haben vorübergehn zu lassen, und wenn auch äußerlich noch Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing sich zu regen, waren unter der Hand die Rüstungen mit vielleicht nicht weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's.
Schon während der Predigt selbst war an diesem Tag ein fremdes Französisches Kriegsschiff, die jetzt dort an der Küste täglich auf- und abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier dadurch wesentlich gestört und die Aufmerksamkeit der Gemeinde natürlich von dem Geistlichen ab, dem viel interessanteren Schiffe zugewandt. Harte Worte waren es denn auch gewesen die der fromme Mann gegen die »Papisten und Sabbathschänder« sprach, die Herzen seiner Zuhörer mehr noch mit Zorn und Entrüstung füllend.
Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften, die sich ziemlich sorglos zwischen die Gruppen am Ufer mischten, unbelästigt, und wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke zuwarfen, und die Mädchen besonders, die sie nach altgewohnter Weise anfassen und mit ihnen scherzen wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächtlichem Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was die Freiheit ihrer Bewegungen, ja durch den Widerstand der Schönen zuletzt gereizt, selbst ihrem Uebermuth, hätte irgend eine Grenze gesteckt.
Die Trupps der Soldaten und Matrosen begnügten sich übrigens damit am Ufer, oder in der Nähe desselben umherzuschwärmen; nur ein einzelnes kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als der Gottesdienst schon lange vorüber war und sich die einzelnen Familien in ihre Wohnungen zurückgezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nächsten Hügelhang hinauf, wo nur einzelne Häuser zerstreut unter vorhängenden Palmen lagen, und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Gärten und kleinen Guiavendickichten hinaufzog.
Vor dem ersten dieser Häuser saß eine kleine Gruppe sorgloser fröhlicher Indianer lachend und singend auf einem offenen von hohen Brodfruchtbäumen und Palmen dicht beschatteten Platz, die Frauen als am Sabbath mit keiner Arbeit beschäftigt, hie und da eine sogar auf ihre Matte ausgestreckt und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um in einer großen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu buchstabiren, während die Männer untereinander plauderten und erzählten, oder auch wohl zu Vieren oder Fünfen kurze Verse einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger Eintheilung der Stimmen sangen. Ein Zuschauer hätte hier nie geahnt daß sich dies muntere, glückliche, sorglose Volk am Vorabend eines Krieges befände, und den Feind unter sich wußte, der es schon geärgert und gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff schreiten konnte.